Fogo, Kapverdischen Inseln, 2019
Reisen sind Fluchten. 2019, kurz vor Covid-19 bin ich vor Weihnachten geflohen, vor den familiären Verpflichtungen. Ich organisierte die Versorgung und Bespaßung meiner Mutter und war dann weg. Die Gruppe der Kapverdischen Inseln liegt auf der geografischen Höhe des Senegal im Atlantik. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Ein aktiver Vulkan liegt auf der Insel Fogo, der Insel des Feuers. Man sollte es besser so sagen: Die kreisförmige Insel ist der Vulkan. Meine Reisegruppe flog am zweiten Reisetag von der Hauptinsel Santiago nach Sao Filipe, dem größten Ort der Insel. Dort ist eine Landepiste auf einem der wenigen flachen Geländestreifen an der steilen Flanke des Vulkans direkt an die zerklüftete Küste gebaut. Von dort ging es mit einem Kleinbus eine Stunde lang steil und kurvenreich bergauf. Auf der Insel gibt es kaum eben verlaufende Straßen, man fährt immer über einen Vulkankegel, steil bergauf oder abwärts. Über einen Passübergang erreicht man die Zufahrt zur neun Kilometer breiten Caldera des Vulkans, eine Ebene liegt vor dem Besucher. Gesäumt einerseits vom Kraterrand, steilen, zerklüfteten Felswänden, die sich bis zu 1000 Meter über die Caldera erheben. Andererseits vom Vulkan Pico de Fogo, der im Nordosten aus der Ebene aufragt, fast 1200 Meter über die Ebene hinausreicht. Mit 2829 Metern Höhe über dem Meer ist der Pico de Fogo einer der höchsten Berge im Atlantik. Die ganze Region ist ein Nationalpark. Der Ausblick vor der Einfahrt in die Caldera ist überwältigend. Die Landschaft wirkt, als sei sie nicht von dieser Welt. Das vulkanische Gestein leuchtet in den verschiedensten Ocker- Rot- und Brauntönen, im Kontrast dazu gibt es auch gerade erst erkaltete Lava in tiefem Schwarz. Wild und zerklüftet, rau, unnahbar ist das Gelände, das erstarrte Gestein hat scharfe Kanten. Auf den ersten Blick kann man keine Pflanzen, kein Grün sehen. Eine Straße führt hinab in die Ebene, verstreut ragen Gebäude aus der frischen Lava, einen Siedlungskern vermag man nicht auszumachen. An der Flanke des Pico de Fogo hat sich erst jüngst ein neuer Krater gebildet. Starke vulkanische Aktivität trat 1995 und 2014 auf. Dieser Krater, der Pico Pequeno, war das erste Wanderziel der Reise. Wir packten die Tagesrucksäcke und machten uns zu Fuß auf den Weg durch die Vulkanlandschaft. Es war nun tatsächlich wie auf einem anderen Planeten. Der Pico Pequeno hatte mit den letzten Ausbrüchen den größten Teil der Caldera neugestaltet. Wir liefen über frische Lavafelder. Der erstarrten Lava sah man noch an, wie sie vor kurzer Zeit geflossen war, an manchen Stellen hing sie in Form erstarrter Tropfen aus Stein herab. Wir liefen über feine Asche und Lapilli, die den Boden bedeckten. Wir kamen schnell in die Höhe, blickten in die Förderschlöte des Ausbruchs vom 23.11.2014. Es roch noch ein wenig nach Hölle, aber der Vulkan ruhte. Hinter uns erhob sich der Pico de Fogo noch weitere 1000 Meter in die Höhe, unter uns breitete sich die Caldera aus, nichts behinderte die Sicht. Der Lavastrom von 2014 zeichnete sich klar ab. Das frische Gestein ergoss sich wie ein erstarrter Fluss in die Caldera. Es war zu spüren: Uns trennt nicht viel von der Hitze, von der eruptiven Gewalt, die im Zentrum unseres Planeten herrscht. Beim letzten Ausbruch 2014 zerstörte der Lavastrom den größten Teil der Siedlungen in der Ebene. Die meisten der rund 2000 Bewohner erlebten so einen vernichtenden Ausbruch ihres Vulkans bereits das zweite Mal, 1995 war der Pico Pequeno entstanden und hatte die Siedlungen in der Caldera auch unter Lava und Asche begraben. Sie waren damals zurückgekehrt. Und sie sind auch nach 2014, die ganze Caldera war evakuiert worden, zurückgekehrt in ihren Vulkan.
Eine neue Straße war angelegt worden. Vereinzelt waren Gebäude stehengeblieben, es gab Mauern, die den Lavastrom stoppten. Fenster und Türen waren zu finden, die von schwarzer Lavamasse gefüllt waren, Terrassen, deren Begrenzung der erstarrte Lavastrom bildete. Die glühende Masse aus dem Erdinneren war in alle Bereiche der Siedlung, des Lebens, eingedrungen. Teile von Gebäuden waren auf dem Lavastrom davongetragen worden, sie ragten völlig deplatziert aus dem erstarrten schwarzen Gestein. Das Chaos des Untergangs war schockierend und zu spüren. Doch die Bewohner waren inzwischen zurückgekehrt und bauten ihre Siedlung wieder auf. Nutzten Gebäudereste, die noch stabil waren, integrierten erstarrte Lava in ihr Gebäude, wo sich das anbot, es wirkte wie Kunst am Bau, meist bauten sie ganz neu.
Silke, unsere Reiseleiterin, eine nach Mindelo ausgewanderte Berlinerin, bemühte sich eine Verständigung zwischen uns Touristen und unseren Gastgebern in Gang zu bringen. Das Leben der Menschen, die uns im Vulkan bewirten, ist ganz anders als unser Alltag. Teofilo, unser Gastgeber, sprach nur Kreol richtig fließend, Portugiesisch fiel im schwer, auf Englisch kannte er ein paar Floskeln. Silke war in allen Sprachen zu Hause, auch im Kreol. Das verschaffte uns ungewöhnliche Einblicke. Teofilo kam schnell ins Erzählen. Er habe keine Angst, hier zu leben. Der Vulkan sei ihr Nachbar, ein guter Freund, man lebe in der Caldera mit der lebendigen Erde. Der Vulkan gebe und nehme. Die hier leben, verdankten ihm alles. Teofilo und seine Familie hatten mehrere wirtschaftliche Standbeine, wie die meisten anderen Bewohner auch. Ein wenig Landwirtschaft, Wein, Gemüse und Obst. Der Vulkanwein sei ganz besonders, in ihm stecke die Seele und die Glut des Berges. Sein ältester Sohn sei Bergführer, er führe die Touristen auf den Fogo oder auf anderen Touren, ja früher habe er das auch gemacht, jetzt sei es ihm zu steil geworden. Auf jeden Fall wolle er nie woanders leben. Die Natur habe halt beide Seiten, sie zerstöre und spende das Leben. Ihr Vulkan sei ja nicht heimtückisch, er warne sie, bevor es richtig losgehe, bevor er mit Feuer, Steinen, Asche, giftigen Gasen aus der Tiefe der Erde über sie komme. Der Untergrund fühle sich nicht mehr stabil an, das sei wie leichte Erbeben, man könne oft die schlechte Luft riechen, man höre dann auch ein Grollen aus der Tiefe. Sie, die Leute im Vulkan, hätten ein Gefühl für die Erde, die ja nicht auf dem Fußboden ende. Klar, man wolle solche Signale erst mal nicht wahrhaben, versuche sie zu leugnen, man mache sich in Gesprächen gegenseitig etwas vor. Aber am Ende könne man die Augen nicht verschließen, müsse sich fügen, der Natur ihren Raum geben. Schließlich ließe sie sich durch gar nichts aufhalten. Am Ende habe der Vulkan ja allen Bewohnern Gelegenheit zur Flucht gegeben, es sei niemand umgekommen, einiges von Ihrem Hab und Gut hätten sie gerettet. Auch Fässer mit Wein hätten sie in höhere Lagen schaffen können, vor dem Lavastrom in Sicherheit gebracht, das Militär habe sie bei allen Aktionen tatkräftig unterstützt. Ihren Fogo Wein müssten wir unbedingt probieren.
Wir sitzen einigermaßen perplex da, nachdem Teofilo langsam und leise immer weiter ins Erzählen kam. Das war eine andere Geschichte über das Erleben der Natur. Uns Europäern fremd. In Deutschland gäbe es an so einem Ort möglicherweise ein Verbot, sich niederzulassen. Die Bedrohung ist ja real, Möglichkeiten zur Kontrolle und Abwehr gibt es nicht. Lediglich eine Vorhersage kommender Eruptionen ist möglich, aber keinesfalls auf den Punkt exakt. Die Menschen hier akzeptieren den Vulkan, nehmen hin, dass sie alles verlieren können, wollen aber an keinem anderen Ort leben. Wer sich einige Tage in der Caldera aufhält, spürt schnell ein wenig von der Magie des Ortes. Die Insel ist insgesamt dünn besiedelt, im Hauptort leben gerade 8000 Menschen. Die Caldera erreicht man über eine Passstraße. Wenn man vom Übergang auf dem Kraterrand hinabfährt in die Ebene der Caldera, spürt man, wie man das normale Leben hinter sich lässt. Die Ebene mit den Siedlungen ist rundum von hohen Felswänden gegen den Rest der Welt abgeschirmt, überragt noch vom Kegel des Pico de Fogo. Es ist sehr trocken, mit den wenigen Niederschlägen gehen die Bewohner sehr haushälterisch um. Dennoch gelingt es, Wein, Gemüse und Obst anzubauen. Grüne Inselchen im frischen, tiefschwarzen, gerade erstarrten Gestein leuchten in der Sonne. Der Lärm der Welt endet an den Felswänden der Caldera. Die ungewöhnliche Ruhe begreifen wir erst nach und nach, uns ist das fremd. Die klare Luft, das Licht, diese Durchsichtigkeit, der Sternenhimmel in der Nacht. All das kennen wir nicht. Und die Menschen sind gastfreundlich, es geht ihnen nicht allein ums Geschäft. Wir hatten während des Aufenthaltes bei Teofilo freien Zugang zu den Getränken, wann und wie viel wir wollten. Die Abrechnung bei der Abreise schaffte er nur mit unserer Unterstützung, Strichlisten konnte er nur schwer interpretieren, der Umsatz schien ihm nicht so wichtig zu sein, Hauptsache seine Gäste fühlen sich wohl.
Den Gipfel des Pico de Fogo habe ich mit dem bergaffinen Teil der Reisegruppe erreicht. Ganz oben hat der Deutsche Alpenverein einige Passagen mit Drahtseilen bis auf den höchsten Punkt als Klettersteig gangbar gemacht. Es roch nach verfaulten Eiern, Gase strömten aus, der Krater war mit weißer und gelber Schlacke verfüllt, es war, als steige ein wenig Rauch auf. Die Ebene der Caldera lag 1200 Meter unter uns, der Verlauf des letzten Ausbruchs, die Lavaströme, ließen sich bestens ausmachen. Wir sahen ringsum den Atlantik, aus dem der Vulkan aufragt. Menschliche Besiedelung war kaum auszumachen, der Berg, die ganze Insel, wirkten wie frisch aus dem Meer gehoben. Der Abstieg verlief vulkangemäß. Die Neigung solcher Stratovulkane erlaubt keine Abstürze wie in einem Gebirge aus Kalk, Granit oder Gneis. Man hat kaum mit ausgesetzten Passagen zu tun. Flanken, die aus vulkanischer Asche oder leichtem Geröll bestehen sind im Aufstieg mühsam, im Abstieg mit großer Leichtigkeit zu begehen. Man fährt ab, macht Sprünge, landet immer weich, gleitet in Asche und Geröll dahin, zieht eine Staubfahne hinter sich her, wird von Schritt zu Schritt immer mutiger, die Sprünge werden immer höher und weiter. In Minuten lässt man sich von der Schwerkraft in die Tiefe tragen, überwindet Höhendifferenzen, für die man stundenlang im Aufstieg geschwitzt hat. Am Fuß des Berges ist man von rotbraunem vulkanischem Staub bedeckt, die gesamte Kleidung, die Schuhe innen wie außen, jede Körperöffnung.
Am Abend zum Konzert. Kapverdische Livemusik, wir saßen inmitten des erstarrten Lavastroms. Eine Seite des Platzes war von einer halb eingedrückten Mauer begrenzt, schwarze Lava hatte sich durch Tür und Fenster gepresst und war in diesem Zustand erkaltet. Den Vulkanwein wollten wir unbedingt probieren. Mit einer Mitreisenden wagte ich mich an eine Flasche Fogo Wein. Der erste Geschmackseindruck war unerwartet, der Wein war süß. Wir hatten uns ja angewöhnt, trockenen Wein mögen zu müssen. Nein, das können wir nicht trinken, das war klar. Dann begann die Musik. Die erste Flasche war ziemlich schnell leer.