Namibia 2018 und 2023
Namibia habe ich auf zwei Reisen vom Oranje River, dem Grenzfluss zu Südafrika, bis in die Sambesi Region, bekannter als Caprivizipfel, kennengelernt. Ich habe touristische Hot Spots wie den Fish River Canyon, die Namib Wüste, die Spitzkoppe, die White Lady, das Waterberg Plateau, die Etosha Region, die Hauptstadt Windhoek und Nationalparks in der Sambesi Region besucht. Europäer, speziell aus deutschsprachigen Ländern, aus Großbritannien und den Niederlanden, verknüpfen mit diesem Land ganz intensive Vorstellungen über Afrika. Gut, wir haben keine Ahnung, wir haben Bilder, so auch über Afrika. Und Namibia steht bei vielen Menschen stellvertretend für diesen riesigen Kontinent, dort suchen wir Bestätigung für unsere Ideen über Afrika. Womöglich sind wir auf dem Holzweg.
Am Beispiel Namibia können wir sehen, dass die Haltung gegenüber der Natur nicht isoliert, gesehen werden sollte, sondern ein Teilaspekt eines umfassenden Habitus gegenüber der Welt, ihren Menschen, ihren Kulturen ist. Als weißer Mann aus dem globalen Norden sprechen ich natürlich über den Habitus meiner kulturellen Herkunft.
Anders als Botswana weist Namibia eine lange und komplizierte Kolonialgeschichte auf. Die Kolonialzeit und Fremdherrschaft, endete erst 1990, kaum ein anderes afrikanisches Land führte über vergleichbar lange Zeit einen Befreiungskampf, das prägt das Land bis heute. Auch die Beziehung zur Natur und den Umgang mit natürlichen Ressourcen.
Grenzen in Afrika folgen selten der Geografie, berücksichtigen kaum ethnische, kulturelle oder sprachliche Rahmenbedingungen. Afrikanische Staaten existieren heute in Grenzen, die Konsequenzen der Berliner Kongo Konferenz von 1884 sind. Meine hauptsächliche Quelle für die folgenden Abschnitte ist das Buch von Faloyin (2023) “Afrika ist kein Land“. Die auf den Vereinbarungen von 1884 basierenden aktuellen Grenzziehungen berücksichtigen die natürlich gegebenen Verhältnisse nicht. Dies finden wir auch in Namibia.
Vertreter von 14 Nationen trafen 1884 in Berlin zusammen; Portugal, USA, Osmanisches Reich, Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Russland, Spanien, Schweden-Norwegen und als Gastgeber das Deutsche Reich. Vertreter Afrikas nahmen nicht teil. Das wesentliche Ziel war: Afrika so aufteilen, dass die künftigen Kolonialmächte in keine Kriege untereinander verwickelt werden. Unter den teilnehmenden Mächten gab es den Konsens, dass es ihr natürliches Recht sei, den Kontinent zu erkunden und sich zu nehmen, was man wolle. Zu Beginn der Konferenz waren noch 80 Prozent des afrikanischen Kontinents frei von kolonialen Einflüssen, 30 Jahre später kontrollierten europäische Mächte 90 Prozent Afrikas. Bismarck, der Gastgeber, mochte sich und die Teilnehmer als gute Menschen sehen. Es gehe ihnen um prosperierenden Handel, christlichen Glauben, Fortschritt und Zivilisation. Davon würden die zurückgebliebenen Afrikaner und ihre unentwickelten Länder profitieren.
Handel und die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Afrikas standen für die Europäer im Vordergrund. Durchgesetzt wurden die Interessen mit Betrug, Täuschungen, Tricksereien und am Ende mit militärischer Gewalt. Afrikaner leisteten von Anfang an heftigen Widerstand gegen die Okkupationen. Das Selbstverständnis der Kolonialmächte hat Cecil Rhodes treffend formuliert, er sprach über Engländer: „Wir sind die erste Rasse der Welt, und je mehr wir von der Welt bewohnen, desto besser ist es für die menschliche Rasse.“ Ein Mindset, das Angehörige anderer europäischer Nationen teilten. Die Überzeugung, anderen überlegen zu sein, fühlt sich grundsätzlich gut an. Zu diesem Anspruch gesellt sich die Überzeugung, nach Gutdünken mit dem angeeigneten Land verfahren zu können, eigene Regeln aufzustellen. Die Hauptakteure waren Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal und Deutschland. Deutschland verlor seine Kolonien nach dem ersten Weltkrieg an andere imperialistische Mächte.
Afrika wurde mit Grenzen überzogen, die keinen Bezug zu Topografie, Kultur und Sprachen der begehrten Regionen hatten. Die Konferenzteilnehmer verfügten über keine zuverlässigen Kenntnisse über das Innere des Afrikanischen Kontinents, weder über die Geografie noch über die Menschen. Den Europäern waren bis zu diesem Zeitpunkt nur einzelne Küstenabschnitte bekannt. Dort waren Festungen und Siedlungen errichtet worden, von denen aus Handel betrieben wurde, der Schwerpunkt lag auf dem Sklavenhandel nach Brasilien, in die Karibik, nach Nordamerika. Die Vereinbarungen, die europäische Mächte im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert trafen definierten die Staaten, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unabhängig wurden. Konflikte, die in vielen Regionen Afrikas immer wieder aufbrechen, sind eine Folge dieser kolonialen Vereinbarungen und den willkürlichen Grenzziehungen.
Der Umgang mit der Natur? Wird bestimmt von der Überzeugung, absolute Handlungsfreiheit zu haben. Mit dieser Überzeugung begegneten die imperialen Mächte der gesamten belebten und unbelebten Welt. Wir nehmen uns, was uns gefällt. Moralische, ethische Fragen wurden ignoriert oder von willfährigen Theologen, Philosophen, Juristen, Medizinern und Naturwissenschaftlern ins Gegenteil verkehrt. Die kolonisierten Völker seien wie unmündige Kinder zu sehen. Raub und Mord seien im Sinne des Fortschritts oder zivilisatorischer Notwendigkeiten als Kollateralschäden hinzunehmen. Dabei ging es immer um Macht und Profite und um Belege für die eigene Überlegenheit.
Weshalb drängen sich diese Gedanken bei Reisen durch Namibia auf? Namibia ist prototypisch für einen Staat mit unnatürlichen Grenzen. Grenzen die von Deutschland, der ursprünglichen Kolonialmacht, willkürlich gezogen wurden, ohne Kenntnisse über die Region. Grenzen in Namibia sind im Wesentlichen gerade Linien, die von den Kolonisatoren mit Stift und Lineal durch ungenaue Landkarten gezogen wurden. Die Grenze zu Südafrika wird durch den Oranje River gebildet. Durch die Kalahari verlaufen über hunderte von Kilometern gerade Linien. Gänzlich ohne topografische oder ethnografische Logik ist der Caprivi Zipfel, ein Landstreifen eingeklemmt zwischen Angola, Botswana und Sambia, der Namibia einen Zugang zum Sambesi verschafft. Im Kolonialismus drückt sich in Reinform unsere Haltung gegenüber der Welt und unsere Beziehung zur Natur aus. Weiße Männer herrschen unreguliert und begründen ihr Verhalten mit Argumenten, die ihnen die Wissenschaft auf Zuruf liefert. Sie leben im Bewusstsein, das Richtige zu tun.
In Namibia werden heute ungefähr 20 Sprachen und Dialekte gesprochen. Es gibt Bantusprachen, Khoisansprachen, indogermanische Sprachen, die sich mit den Kolonisatoren etablierten. Englisch ist heute eine Amtssprache, Afrikaans, von der Besatzungsmacht Südafrika eingeführt, gilt als Lingua Franca. Eine kleine Gruppe von Menschen gibt Deutsch als Muttersprache an. Ovambo stellen heute die größte Ethnie. Es gibt Herero, Dama und indigene Völker wie die San oder Nama. Himba? Mir wurde einmal erklärt, die Himba seien Herero, die noch nicht den Lebensstil der Kolonisatoren übernommen hätten. Ob da was dran ist? Menschen, die im Caprivi Streifen ansässig sind, haben wieder andere ethnische Zugehörigkeiten.
Als Evans, der Guide auf meiner ersten Reise nach Botswana, seinen Defender auf einer Anhöhe über dem Chobe River gestoppt hatte, ließ er seinen Blick über den Fluss und das jenseitige Schwemmland streifen. „Das Land haben sie uns gestohlen.“ Er meine den Caprivi Zipfel. Eine Vereinbarung mit Großbritannien und Portugal hatte den Landstreifen Deutsch Südwestafrika zugeschlagen. Im Zusammenhang mit diesem Vertragswerk kam Helgoland zum Deutschen Reich, Sansibar, bis dahin über Jahrhunderte ein unabhängiges Sultanat, zu Großbritannien. Das deutsche Begehren galt dem Sambesi, zu diesem großen afrikanischen Strom suchte man eine Anbindung, einen Zugang zum Indischen Ozean. Es gab die Idee, eine Verbindung zum Kolonialbesitz in Ostafrika herstellen zu können. Der Sambesi war allerdings nicht schiffbar, die Victoria Fälle und weitere unpassierbare Passagen liegen auf dem Weg zum Indischen Ozean. Und es gab die Britischen Besitzungen Nord- und Südrhodesien sowie das Portugiesische Mosambik. Bis nach Deutsch-Ostafrika war es ein weiter Weg. Die Kolonialmächte regelten die Frage unter sich, zogen ein paar Grenzlinien und der Caprivi Zipfel gehörte zum Deutschen Reich.
Deutschland verlor nach dem ersten Weltkrieg alle Kolonien. Deutsch-Südwestafrika kam unter die Verwaltung Südafrikas. Südafrika etablierte einen Apartheidsstaat, der bis zur Unabhängigkeit 1990 Bestand hatte. Namibia war nichts anderes als eine südafrikanische Kolonie. Eine kleine Minderheit weißer Einwohner bestimmte über alle Belange. Die schwarze Mehrheit hatte keinen Zugang zur Teilhabe am Staat, sie wurde in Townships verbannt. Das Mindset von der naturgegebenen Überlegenheit der weißen Rasse bestimmte bis in die jüngste Zeit das Leben im Land.
In kolonialen Gesellschaften galt für die herrschende Elite die gesamte belebte und unbelebte Natur als beliebig verfügbare Quelle des persönlichen Wohlstandes. Auch mit Menschen wurde so verfahren. Es ließen sich Kriterien finden, die Menschen, die anders aussahen, als minderwertig identifizierten. Die Herrschaft über diese Menschen galt als naturgegebene Notwendigkeit. Bis heute gibt es Theologen, Philosophen, Juristen und Naturwissenschaftler, die diese Politik mit Argumenten munitionieren. Gegen alle wissenschaftlichen Fakten und ohne jede Moral.
Wenn Blicke töten könnten. Dann hätte ich meinen Besuch im Namibischen Unabhängigkeitsmuseum nicht überlebt. Das Museum liegt auf einem Hügel über Windhoek, gleich neben der Deutschen Kirche. Es präsentiert Objekte, Fotos, großformatige Bildtafeln und Infokästen zum Unabhängigkeitskampf Namibias. Die Abteilung zum Völkermord an den Nama und Herero in den Jahren zwischen 1904 und 1908 bildet einen Ausstellungsschwerpunkt im Museum. Der Völkermord ist zu verantworten vom Deutschen Reich und hat einen Namen: General Lothar von Trotha.
Ich war mit meiner afrikanischen Freundin im Museum, wir sind beide von Aussehen und Sprache als Deutsch zu identifizieren. Gleichzeitig mit uns besuchte an diesem Vormittag eine größere Gruppe Namibierinnen die Ausstellung. Ich machte Fotos. Auch von Exponaten, die Gräueltaten der deutschen Truppen dokumentierten. Die Ermordung von Kindern, Frauen, alten Menschen. Von Dokumenten über die entwürdigende und erniedrigende Behandlung der Opfer über den Tod hinaus. Wir sahen auf Fotos Beispiele für zügellose brutale Gewalt. Bis heute lagern Schädel und komplette Skelette in den Magazinen deutscher Museen und Universitäten. Sie dienten bis 1945 als Lehrmittel, um die Unterlegenheit der „schwarzen Rasse“ zu demonstrieren. Wurden sie noch länger eingesetzt?
Dort traf mich ein vernichtender Blick eines Museumsbesuchers aus Namibia. Ich sei ein sensationsgeiler Tourist, war der Vorwurf, das Leiden seiner Vorfahren biete einen Gruselfaktor, echte Betroffenheit sei uns Europäern doch fremd. Es endete dann nicht tödlich, wir kamen ins Gespräch, gingen noch auf ein Getränk in das Panorama Café im Dachgeschoss. Er heiße Johannes, sei Lehrer, das Museum habe er mit Kolleginnen besucht. Er sprach deutsch, das Abitur habe er an der deutschen Schule in Windhoek gemacht, für zwei Semester habe er ein Stipendium in Bochum gehabt. Als Ovambo habe er selbst keine Vorfahren, die zu den unmittelbaren Opfern gehört hätten. Mit diesem Teil der Geschichte seines Landes sei er aber gut vertraut. Ihm sei klar, dass die Taten des Lothar von Trotha nicht repräsentativ für Deutschland stehen. Weder sei das zur Zeit der Militäraktion so gewesen, noch gelte das heute. Aus seinen Studien wisse er, dass auch auf deutscher Seite das militärische Vorgehen des von Trotha auf Ablehnung gestoßen sei. Er sei ja schon 1905 abberufen worden, in Deutschland sei er von offizieller Seite gemieden worden. Auch auf deutscher Seite habe es ein Bewusstsein für das Unrecht gegeben, das den Afrikanern zugefügt wurde. !907 sei es aus diesem Zusammenhang heraus in Berlin zu einer Regierungskrise gekommen, nach der Auflösung des Reichstags habe es Neuwahlen gegeben. Prägend für die Kolonialpolitik und die Militäraktionen gegen sein Volk sei dennoch der Erlass geblieben, mit dem von Trotha 1904, nach der Schlacht am Waterberg, sein Vorgehen erklärte. Johannes packte eine dicke Dokumentation aus seinem Rucksack. Ich solle jetzt unbedingt den Text lesen:
„Ich der große General der deutschen Soldaten, sende diesen Brief an das Volk der Herero. Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen … Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen … Der große General des mächtigen deutschen Kaisers“.
Tausende Hereros verdursteten in der Wüste oder wurden erschossen, ausgeübt wird rücksichtslose Gewalt aus der Überzeugung heraus, einen zivilisatorischen Auftrag zu haben. Später wurden Überlebende unter unmenschlichen Bedingungen in Konzentrationslager gesperrt, mussten Zwangsarbeit leisten. Zehntausende starben. Das Ziel, das ganze Volk der Herero zu vernichten, blieb im Prinzip bestehen. So endete der Museumsbesuch mit einem Vortrag über unser beider Geschichte. Johannes erzählte als Nachfahre der Opfer einem Touristen aus dem Land der Täter. „Weißt du“, schloss er, „vor diesem Hintergrund ist es doch plausibel, euch Deutsche zuerst mal als selbstverliebte Betrüger, Diebe und Mörder zu sehen. Das stimmt natürlich nicht im Ganzen, aber diese Züge sind in eurer Geschichte und Kultur ein prominentes Element, das gehört doch zu eurer Natur. Ich habe schließlich zwei Semester in Bochum studiert, ich weiß Bescheid. Dreißig Jahre später habt ihr mit euren Gewaltexzessen dann die ganze Welt überzogen. Stimmt natürlich auch nicht, das waren die Nazis.“
Namibia ist ein Land der Zäune. Wer die Weite Afrikas in der Kalahari erlebt hat, wird bei der Fahrt durch Namibia mit einer anderen Realität konfrontiert. Das Land ist parzelliert und in Privatbesitz. Die Besitzverhältnisse, die die Kolonialzeit geschaffen hat, gelten bis heute. Weite Teile des Landes sind im Besitz weißer Siedler, oft den Nachkommen der ersten Generation. Man spricht deutsch. Die Farmen sind riesig. Die zuvor ansässigen Afrikaner betrieben Rinderzucht, die deutschen Siedler übernahmen diese Art der Bewirtschaftung und vertrieben die Bevölkerung. Da die Neuankömmlinge nicht als Nomaden leben wollten benötigten ihre Rinderherden wegen der Trockenheit riesige Flächen. Die zunehmende Trockenheit als Folge des Klimawandels macht es heute schwierig, diese Form der Landwirtschaft weiter zu betreiben.
In jüngster Zeit verlagerten manche der Betriebe ihr Geschäftsfeld. Es gibt große Farmen, die in ihren Grenzen, hinter Zäunen, Wildtierbestände pflegen und Touristen, die in bequemen Lodges beherbergt werden, auf Pirschfahrten afrikanisches Wildnis bieten. Lukrativ ist auch das Geschäft mit der Trophäenjagd für vermögende Menschen, hauptsächlich Männer, aus dem globalen Norden. Zu schießen gibt es für sie fast alles, was der afrikanische Busch an größeren Tieren hergibt. Es gibt Preislisten für verschiedenste Antilopen, Löwen, Giraffen, Elefanten … Diese Art des Eventtourismus finden wir auch in Botswana und Südafrika. Dort gibt es Farmen, die sich auf die Aufzucht von Löwen spezialisiert haben. Männliche Tiere sind begehrt, mächtige Mähnen, erzielen die höchsten Preise, je dunkler, desto besser. Reiche Jagdkunden wählen die Tiere aus einem Onlinekatalog aus. Die Trophäenjäger buchen den Abschuss pauschal mit allen Transfers, angenehmer Lodge, guter Küche und reichlich Alkohol. Träger und Guides führen die Jäger durch den Busch, bis sie zum Abschuss kommen, das Gehörn oder der Kopf des Opfers werden präpariert und mit in die Heimat genommen. In Deutschland ist es bisher legal, solche Trophäen einzuführen. In Reportagen über dieses Treiben sieht man auch Jagdkunden durchs Gelände stolpern, die ohne die umfassende Betreuung durch ein ganzes Begleitteam vermutlich nicht einen Tag im Busch überleben würden.
Das Fleisch von Löwen wird entsorgt. Das von grasfressenden Tieren wie von Antilopen oder Zebras landet auf dem Markt. Getrocknet und gut gewürzt wird es als Biltong an jeder Straßenecke verkauft, auch in Europa ist es erhältlich. In praktisch allen Restaurants wird das Fleisch angeboten. Manches Stück Wild landet in Dörfern in der Nachbarschaft und wird dort verzehrt. Was mit geschossenen Elefanten und Hippos geschieht? Keine Ahnung. Ich gestehe, das Fleisch von Kudus, Springböcken, Zebras und von Straußen gegessen zu haben. Tatsächlich kenne ich in Deutschland im normalen Handel keine vergleichbare Fleischqualität.
„Waterberg Wilderness“ ist ein privates Schutzgebiet am Rande der Kalahari. Es grenzt an den dort gelegenen staatlichen Nationalpark. Fauna und Flora des Gebiets profitieren von einer Quelle am Fuß des Waterberg Massivs. Ausreichend Wasser in der Kalahari schafft üppiges Grün und zieht Tiere und Menschen an. Menschen halten sich dort schon seit Jahrtausenden auf. San, Damara, zuletzt Herero, die Rinder züchteten. Die „Schlacht am Waterberg“ fand dort statt. Lothar von Trotha wollte die Herero militärisch schlagen und als Ethnie auslöschen. Er war nicht nur ein Mensch mit fragwürdiger Persönlichkeit, am Waterberg erwies er sich auch militärisch als unfähig. Die deutschen Truppen irrten mehr durch den Busch, als dass sie tatsächlich in Kämpfe verwickelt waren. Die Herero Krieger waren den Deutschen militärisch unterlegen, trotzdem konnten die meisten von ihnen entkommen. Ihr wahres Leiden begann erst nach den Kämpfen am Waterberg. Sie flohen, bewaffnete Soldaten, Frauen, Kinder, alte Leute, mit ihrem Vieh in die Omaheke Wüste. Auf diese Ereignis bezieht sich der Erlass des von Trotha, der die Vernichtung des gesamten Volkes der Herero vorsah. Die Geflüchteten verdursteten oder wurden erschossen. Überlebende aus anderen Regionen wurden in Konzentrationslager gesperrt. 1908 galt die ganze Kolonie als „befriedet“.
1907 erwarb die Familie von Flotow, alter deutscher Adel aus Mecklenburg, das Land um die Quelle, betrieb Rinderzucht, wie vor ihnen die Herero. Auf dem Familienfriedhof am Waterberg findet man noch ihre Gräber. Das letzte Grab stammt aus dem Jahr 1972. Danach übernahmen neue Besitzer. Im Jahr 2000 gaben sie die Rinderzucht auf und etablierten das private Naturschutzgebiet. Gäste werden in komfortablen Lodges untergebracht, Pirschfahrten und Wanderungen sind im Angebot. Tiere wie Breitmaulnashörner, Giraffen, Kuhantilopen, Gnus und Strauße wurden wieder angesiedelt. Andere Tiere wanderten von selbst ein, auch viele Vögel wurden wieder heimisch. Große Beutegreifer wie Löwen und Geparden gibt es nicht, auch zu Fuß kann man unbewaffnet auf angelegten Wegen durch das Gebiet streifen. Leoparden? Etwas Genaues weiß man nicht.
Sind Projekte wie „Waterberg Wilderness“ der Königsweg, um großräumig Landschaften und Tierwelt Afrikas zu bewahren? Wirft die Trophäenjagd so viel ab, dass von den Organisatoren als Nebeneffekt der Artenschutz gefördert wird? Hier wird die Beziehung zur Natur über den Wert geregelt. Wilde Tiere finden sich auf Preislisten, Jäger buchen den Abschuss. Naturräume werden privatisiert und touristisch vermarktet. Es ist die Fortsetzung der kolonialen Haltung zu Afrika, gegenüber der Natur. Diese Konstellation ist in unserer Welt der Normalfall. Mein Erleben in der Kalahari passt nicht zur Wirklichkeit, sie war eine Täuschung. Was passiert mit Tieren, Pflanzen und Landschaften, die keinen jagdlichen Wert haben, die öde, langweilig und für Touristen uninteressant sind? Sind wir zu keiner anderen Haltung in der Lage? Haben nur die Lebewesen ein Existenzrecht, die gewinnbringend vermarktet werden können, und die uns nicht stören. Müssen wir wirklich alles unter unsere Kontrolle bringen und zu unserer Verfügung haben? In Besitz nehmen, nie wieder hergeben. Auch wenn der Erwerb mit Gewalt, Diebstahl und Betrug verbunden war? So gehen wir mit der Natur um. Dieses Handeln charakterisierte das Zeitalter des Imperialismus. Nur der umfassende Widerstand der versklavten, beraubten und unterdrückten Völker brachte ihnen die Freiheit. Was passiert mit dem Rest der Welt, mit der Natur, wer setzt sich für ihre Belange ein?