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Foto einer Schneelawine

Lawinen: Physik und Verhalten, 2026

Diesen Text hat ein älterer Skitourengehers verfasst. Ich gehe seit 40 Jahren jeden Winter mit Ski in die Berge. In den letzten 25 Jahren war ich in jeder Saison an mehr als 25 Tagen mit Tourenski unterwegs. Ich bemühe mich seit Jahrzehnten mit dem Lawinenrisiko umzugehen, ziehe verfügbare Informationen wie den Lawinenlagebericht heran, besuche Kurse, studiere die einschlägige Literatur, habe schon Schneeprofile ergraben, nutze eine SnowCard. Ich habe schon haarsträubende Fehlentscheidungen getroffen, Glück gehabt, in den meistens Fällen war es unkritisch. Ich bin kein Lawinenexperte und gestehe ein, ich habe in Bezug auf Lawinen wenig Ahnung, der Aufbau von Schneedecken ist mir nach wie vor ein Rätsel, einen Einzelhang kann ich nicht beurteilen. Als Psychologe habe ich ein wenig Expertise menschliches Verhalten betreffend.

 

Die Lage

Im winterlichen Gebirge suchen und finden wir intensives Naturerleben, zumindest in Regionen abseits industriell präparierter Skigebiete. Am besten geht das mit Tourenski, manche gehen zu Fuß oder mit Schneeschuhen. Schnee verändert die Landschaft, verzaubert sie, macht sie erhaben, schön und voller Gefahren. Das verschneite Gebirge berührt uns emotional. Intensive Gefühle erleben wir nie ohne Risiken. Schnee ist auch der Stoff, der uns in Form von Lawinen bedroht. Schnee ist ein unsicheres Baumaterial. fragil, instabil, unbeständig.

Im Durchschnitt gibt es seit Jahrzehnten über die gesamten Alpen jeden Winter im Durchschnitt 100 Lawinentote (Techel et al. 2016). Viele der Opfer sind als Tourengeher, Freerider oder Schneeschuhgeher in Lawinen geraten, die sie häufig selbst ausgelöst haben.

Wer im winterlichen Gebirge eine Tour plant, muss selbst entscheiden, ob er aufbricht oder zu Hause bleibt, ob er in einen Hang einfährt oder umkehrt. Aus Psychologischer Perspektive ist dies eine prototypische Situation für den Umgang mit Risiken. Dramatisch ist, dass es tatsächlich um Leben und Tod gehen kann, dies unterscheidet Lawinenentscheidungen von den meisten Alltagsentscheidungen. Wir müssen bei Lawinenentscheidungen auf unsere normalen kognitiven Fertigkeiten zurückgreifen. Die natürlichen Grenzen unserer Denkfähigkeiten und unseres Umgangs mit Informationen sind zu berücksichtigten, wenn wir Risikoabschätzungen vornehmen und existentiell bedeutsame Entscheidungen treffen.

Lawinen sind ein geophysikalisches Naturphänomen. Ähnlich wie bei Murenabgängen, Felsstürzen, Erdbeben, Tsunamis, Vulkanausbrüchen ist die Beurteilung der Lawinengefahr ein hochkomplexer Prozess. Prognosen sind bei all diesen Ereignissen unzuverlässig. Bei Lawinen können Freizeitsportler folgende Faktoren berücksichtigen:

  • Lawinenlagebericht, während der Saison täglich neu
  • Beurteilung des zu befahrenden Hanges nach Neigung und Ausrichtung
  • Schneedeckenprofil und die Stabilität der Schneedecke
  • Aufbau der Schneedecke im Verlauf des Winters
  • Niederschlag: Neuschneemenge, Regen
  • Einfluss von Wind: Gibt es Schneeverfrachtungen und Triebschnee
  • Temperatur: Veränderungen über den Tag, Veränderung im Jahresverlauf
  • Frequentierung einer Tour: Ist ein Hang stark befahren?
  • Beurteilung des Untergrunds: Wiese, Latschen, Fels, Geröll?
  • Führt die Tour durch den Wald?
  • Beurteilung der Geländeformen: Freier Hang, Rinne, Grat, Rücken?
  • Alarmzeichen wie Wumm-Geräusche oder Abgang frischer Lawinen
  • Die Größe der Gruppe, die gemeinsam unterwegs ist
  • Die Hierarchie in der Gruppe: gibt es einen eindeutigen Führer und Entscheider?
  • Welche Menschen sind unterwegs

Diese Auflistung ist nicht erschöpfend. Klar ist, die Beurteilung von Lawinengefahr ist kompliziert, Lawinen sind multifaktoriell verursacht. Es gibt Faktoren, die gemessen und beobachtet werden können. Aussagen, die auf physikalisch messbaren Daten beruhen, werden mitunter als „analytisch“ oder „wissensbasiert“ bezeichnet. Andere Faktoren betreffen das Verhalten der Tourengeher und die Planung der Tour. Die Berücksichtigung dieser Faktoren sei „strategisch“.

Für den Wintersportler geht es um die Frage, ob an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Hang zu einer bestimmten Zeit eine Lawine abgeht. Haben wir ein wissenschaftlich fundiertes Instrument, um diese Frage zu beantworten? Gibt es eine Theorie über Lawinen, die eine Prognose ermöglicht? Gibt es eine Lawinenformel?

Lawinenwarndienste in Europa haben sich seit 1993 auf fünf Lawinengefahrenstufen geeinigt (gering – mäßig – erheblich – groß – sehr groß). Die Stufen mäßig und erheblich gelten an über 80 Prozent der Tage eines Winters. Ebenfalls über 80 Prozent aller Todesopfer sind bei diesen Gefahrenstufen zu beklagen (Walter & Brügger, 2012).

Aktuelle Beurteilungsschemata strukturieren verfügbare Informationen für die Beurteilung des Lawinenrisikos in fünf Lawinenprobleme und zehn Gefahrenmuster.

Die fünf Lawinenprobleme: Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee. Die Probleme werden, beispielsweise vom Lawinenwarndienst Bayern, sehr differenziert dargestellt. Verhaltensempfehlungen werden gegeben.

Die zehn Gefahrenmuster: bodennahe Schwachschicht, Gleitschnee, Regen, kalt auf warm / warm auf kalt, Schnee nach langer Kälteperiode, lockerer Schnee und Wind, schneearm neben schneereich, eingeschneiter Oberflächenreif, eingeschneiter Graupel, Frühjahrssituation. Die Gefahrenmuster erweitern die Informationen zu den Lawinenproblemen, die Gefahrenmuster werden speziell vom Lawinenwarndienst Tirol propagiert.

Die Informationen sind eine umfassende Sammlung von Beobachtungen zur Abschätzung eines Lawinenrisikos. Sie sind auch die Grundlage für die Sperrung von Verkehrswegen oder die Evakuierung von Siedlungen. Aber die Informationen sind für Freizeitsportler unübersichtlich. Die Komplexität der Basisinformationen (fünf Warnstufen, fünf Lawinenprobleme, zehn Gefahrenmuster) ist zu hoch, um vom normalen Skitourengeher ausgewertet zu werden, er ist damit überfordert.

Unscharfe Angaben lassen einen großen Interpretationsspielraum zu. Auch Empfehlungen wie sie von der Sicherheitsforschung im DAV propagiert werden (Mersch & Hummel, 2020) weisen eine Komplexität und Unschärfe auf, die den Nutzer eher überfordern, als dass sie eine Hilfe wären. Dazu kommt, dass die individuelle Frage, ob ein bestimmter Hang begangen werden kann, gar nicht auf der Basis dieser Informationen entschieden werden kann. Am Ende steht eine Aussage wie, „große Erfahrung und lawinenkundliches Wissen“ seien für eine endgültige Beurteilung nötig. Was ist das? Wer verfügt darüber?

Es gibt amtliche Stellen, die eine Einschätzung der Lawinengefahr veröffentlichen, während der Saison in vielen Regionen täglich. In Bayern und Tirol sind das die staatlichen Lawinenwarndienste. Daneben gibt es ehrenamtlich tätige lokale Lawinenkommissionen aus ortskundigen und bergerfahrenen Fachleuten, die bei Bedarf zusammentreten, um die aktuelle Wetter-, Schneedecken- und Lawinensituation zu beurteilen und daraus entsprechende Empfehlungen für Lawinensicherungsmaßnahmen (z.B. Sperrungen von Straßen und Skiabfahrten oder künstliche Lawinenauslösungen) ableiten. In Bayern gibt es 33 Kommissionen.

Spätestens hier wird klar, dass das Lawinenrisiko aus verschiedenen Perspektiven beurteilt wird. Es gibt – zumindest für uns in Europa – eine amtliche Mitteilung, die über das aktuell bestehende Risiko informiert, dies differenziert für verschiedene Regionen und für den Tagesverlauf. Keineswegs jedoch kleinräumig für einen bestimmten Hang. Am Ende bleibt es aber immer eine Sammlung von Beobachtungen, es wird keine quantifizierbare Prognose über die Wahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs abgegeben. Es ist eine unscharfe Abschätzung der Gefahrenlage. Auch bei einer „Einserlage“ kann man Opfer einer Lawine werden. Es müssen der einzelne Geher bzw. die Gruppe für jede Tour und auf einer Tour in jeder kritischen Situation entscheiden, ob es geht oder nicht. Und gerade dieser Entscheidungsvorgang unterliegt allen Restriktionen, die es bei der Psychologie des Entscheidens gibt.

 

Sind die Aussagen und Einschätzungen wissenschaftlich?

Eine gute wissenschaftlich fundierte Argumentation oder Theorie muss Naturphänomene umfassend erklären können und sie muss verlässliche Prognosen über zukünftige Ereignisse abgeben. In der Physik ist dies für die Theorienbildung essenziell. Es ist aber klar, dass es für viele Naturphänomene keine sicheren Prognosen gibt. Das Geschehen ist zu komplex, beziehungsweise nicht umfassend genug zu beobachten und zu messen, als dass Prognosen auf den Punkt möglich wären. Naturkatastrophen wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Tsunamis, Muren, Bergstürze lassen sich nicht sicher vorhersagen. Dies obwohl die Erhebung relevanter Daten an vielen geophysikalischen Hotspots rund um die Uhr großflächig erfolgt und in Echtzeit weltweit analysiert werden kann. Nehmen wir als Beispiel die Phlegräischen Felder südlich von Neapel. Die Prognose ist eindeutig aber nicht zu terminieren: Ein Supervulkan steht vor dem Ausbruch, über eine Million Menschen werden betroffen sein. Der Hochvogel in den Allgäuer Bergen hat diese Prognose: Die komplette Bergflanke oberhalb von Hinterhornbach wird sich vom Berg ablösen, in einem gigantischen Bergsturz werden Felsen und Geröll ins Tal stürzen. Der Weg zum Gipfel von dieser Seite ist seit Jahren offiziell gesperrt. Wann das passiert, welche konkreten Ausmaße das Ereignis haben wird? Gute Frage, nächste Frage. Oder Erdbeben. Sie geschehen mit erschreckender Regelmäßigkeit, zerstören große Regionen, fordern tausende Todesopfer und überraschen die Welt ein ums andere Mal.

Das Grundproblem: Es gibt keine wissenschaftliche Theorie der Lawine, keine Lawinenformel. Vorhersagen über einen Lawinenabgang an einem bestimmten Hang zu einem bestimmten Zeitpunkt sind nicht möglich. Computermodelle für rechnergestützte Vorhersagen vergleichbar mit solchen in der Meteorologie oder in der Klimaforschung gibt es für Lawinenprognosen nicht. Die Lawinenkunde liefert uns Beobachtungsdaten über den Zustand der Schneedecke in einer Region, über das Wetter, über den Verlauf des Winters, über das Gelände, über die Verhältnisse in unterschiedlichen Höhen und Expositionen. Ein Lawinenlagebericht sieht beispielsweise so aus, neben der numerischen Gefahrenstufe gibt es eine Beschreibung der Lage:

Die Tourenverhältnisse sind nach einer klaren Nacht am Morgen günstig. Mit der tageszeitlichen Erwärmung und der Sonneneinstrahlung steigt die Auslösebereitschaft von nassen Lawinen an. Vorsicht vor allem an sehr steilen Sonnenhängen. Lawinen können teilweise die durchnässte Schneedecke mitreißen. Zudem sind Gleitschneelawinen möglich. Dies an Grashängen unterhalb von rund 2600 m. Die nächtliche Abstrahlung war gut. Die Schneeoberfläche gefriert tragfähig. Auf der harten Schneeoberfläche besteht im Steilgelände Absturzgefahr. Die Schneeoberfläche weicht im Tagesverlauf auf. Sonne und Wärme führen vor allem an Sonnenhängen zu einer zunehmenden Durchnässung der Schneedecke. Rückgang der Gefahr von nassen Lawinen mit der Abkühlung.

Eine wissenschaftliche Theorie, beispielsweise in der Physik, der naturwissenschaftlichen Königsdisziplin, erklärt natürliche Prozesse und erlaubt Prognosen. Das leistet die Lawinenkunde nicht. Die Aussagen sind, wissenschaftlich gesehen, schwach. Die Datenerhebung analytisch oder wissensbasiert zu nennen ist eine Täuschung. Für den Freizeitsportler heißt das, bei seinen Entscheidungen kann er auf keine wissenschaftlich abgesicherte Prognose zurückgreifen, die seine konkrete Frage beantwortet.

Dennoch gibt es – auch jetzt und heute – Möglichkeiten, die Lawinengefahr zu beurteilen und Entscheidungen zu fällen, ob man eine Tour geht oder nicht, ob man einen Hang befährt oder nicht. Es gibt genügend „red flags“, „no go’s, „Stopps“, die eine Tour, einen Hang als nicht machbar identifizieren. Ob dort tatsächlich eine Lawine abgehen wird? Das ist unbekannt. Wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Lawine ist? Das ist nicht quantifizierbar.

 

Menschen treffen Fehlentscheidungen

Es gibt alpenweit eine dreistellige Zahl von Lawinentoten, jedes Jahr. Was geschieht, was machen Menschen falsch? Holen sie keine Informationen ein? Können sie vorhandene Informationen nicht auswerten und beurteilen? Entscheiden sie anders, als es die vorliegenden Informationen empfehlen? Oder lassen sich auf der Grundlage der vorliegenden Informationen gar keine brauchbaren Entscheidungen treffen?

Ein ganz persönlicher Eindruck aus 40 Jahren Tourenaktivität: Es gibt Menschen, die uninformiert auf Tour gehen. Nach dem Kauf einer Ausrüstung starten sie ohne Konzept in Bezug auf Tourentechnik, auf Tourenziele und auf Sicherheit. Man macht was angesagt ist, was halt alle machen. Es gibt auch Tourengeher mit jahrlanger Praxis, großer Erfahrung und bester Leistungsfähigkeit, die sich nicht um Lawinenlagebericht und Risiken scheren. Sie kennen im Prinzip die Gefahren im winterlichen Gebirge, halten diese aber für irrelevant für sich. Diese Leute sind beratugsresistent.

Beikircher (2015) hat ein drastisches Beispiel für Fehlentscheidungen publiziert:

Am 6. Januar 2015 lösen Tourengeher im über 40 Grad steilen Gipfelhang der Schneespitze im Reintal/Südtirol eine Lawine aus. Ein Mensch kann nur noch tot ausgegraben werden, ein weiterer stirbt zehn Tage später im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Die Primärlawine löste allerdings zig weitere Lawinen aus und es hätte auch Dutzende weitere Skitourengeher erwischen können, die an diesem Tag unterwegs waren.

Beikircher betont, dass a-posteriori-Analysen den Odem der Klugscheißerei tragen. Dennoch gelte, dass die Tour nach den Kriterien aller anerkannten Lawinenstrategien unter den gegebenen Verhältnissen nicht „machbar“ war. Bemerkenswert: Es waren Experten unterwegs, Kenner der lokalen Bedingungen. Es habe sich, durch soziale Netze befördert, ein kollektiver Hype um diesen Gipfel entwickelt. Am Unglückstag habe sich, so Beikircher, eine Community auf Dope und auf Hardcore auf den Weg gemacht.

Hinter den Einschätzungen bekannter Lawinenstrategien stecken Grundlagenforschung, langjährige Erfahrungen und fundierte Beurteilungen der aktuellen Lage differenziert nach lokalen Begebenheiten. Würde den Empfehlungen gefolgt ließen sich viele Opfer vermeiden, so wird regelmäßig gesagt. Tatsächlich werden wir praktisch weiterhin in jedem Winter mit Meldungen wie dieser konfrontiert (Tagesschau, 13.1.2019):

Drei Skifahrer aus Süddeutschland sind im österreichischen Lech unter einer Lawine ums Leben gekommen. Wie die Behörden mitteilen, wird ein Mann der vierköpfigen Gruppe noch vermisst. Die vier befreundeten Skifahrer waren am Samstag den Angaben zufolge auf einer gesperrten Skiroute unterwegs. Am Abend wurden sie als vermisst gemeldet.

Laut Polizei fanden die Retter die Leichen von drei Männern aus Oberschwaben im Alter von 32, 36 und 57 Jahren kurz vor Mitternacht. Die noch vermisste Person ist 28 Jahre alt und ebenfalls aus Süddeutschland. Als am Samstagabend die Frau eines Skifahrers eine Vermisstenanzeige stellte, gelang es den Helfern schnell, die Gruppe mittels Handy-Ortung zu lokalisieren.

Die Wintersportler hatten die gesamte Notfallausrüstung zwar dabei. Trotz ausgelöster Airbags wurden sie aber verschüttet. Die Suche nach dem vierten Verschütteten musste wegen großer Lawinengefahr abgebrochen werden.

Ludwig Muxel, Bürgermeister von Lech am Arlberg, zeigte sich fassungslos angesichts des Unglücks: „Es wurde immer wieder gesagt: Bitte verlasst nicht den gesicherten Skiraum. Verbleiben Sie auf den gesicherten Pisten. Und trotzdem wird diese Botschaft immer wieder missachtet“. Die Lawinengefahr auf ungesicherten Tiefschnee-Bereichen werde immer wieder unterschätzt, so Muxel

Nun ist es ein leichtes, auch bezüglich dieses Unglücks zu Klugscheißerei überzugehen. Das von den Opfern (am Ende waren es vier) befahrene Gelände hätte, wäre die SnowCard zur Beurteilung ausgewertet worden, gemieden werden müssen. Bedenken sollte man aber: Der Lawinenlagebericht gab an diesem Tag eine Allgemeine Stufe von 3 an. Unter 2200m war die Stufe 2. Skitouren und Abfahrten im freien Gelände sind bei dieser Lawinenlage durchaus üblich. Leider passieren auch gerade in dieser Konstellation die meisten Unfälle. An diesem Tag waren sicher zahlreiche Freerider abseits der Pisten unterwegs. Möglicherweise gab es am Ende des Tages in der Region kaum noch einen Hang oder eine Rinne, die nicht eingespurt war. Die Bahnen und Lifte im Skigebiet waren in Betrieb, sie unterstützen den Zugang zu den riskanten Abfahrten. Das vermittelt auch bei allfälligen Warnungen und Sperrungen ein Gefühl von Sicherheit, das natürlich nicht gerechtfertigt ist. Die Skifahrer waren mit der kompletten Notfallausrüstung ausgestattet, hatten damit vermutlich subjektiv das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, auch den Fall einer Verschüttung.

Die Reihe lässt sich mit einem Lawinenunglück im Ötztal aus dem Jahr 2024 fortsetzen (Meldung des ORF, 12. April 2024, 5.56 Uhr):

Es war ein gewaltiges Schneebrett, das sich gegen 11.00 Uhr offenbar von selbst löste. Drei Skitourengeher aus den Niederlanden, die mit weiteren 14 Tourengehern und vier Bergführern zur Martin-Busch-Hütte aufstiegen, wurden von der Lawine erfasst. Sie wurden teils metertief begraben und konnten nur noch tot geborgen werden.

Der Lawinenexperte des Landes, Patrick Nairz, sah sich das 180 Meter lange und 80 Meter breite Schneebrett auf Fotos genau an: „Es handelt sich um eine nasse Lockerschneelawine, die in einem extrem steilen ostseitigen Gelände abgebrochen ist. Die Lawine hat sich in der Sturzbahn immer weiter vergrößert, und ist auch dann teilweise brettmäßig gebrochen. Und diese nassen Schneemassen haben sich dann im Tal ergossen, wo die Personen im Aufstieg zur Hütte waren.“

Gerade am Donnerstag, am Unglückstag, machte der Lawinenwarndienst explizit auf die Gefahr von Gleitschneelawinen aufmerksam. Die hohen Temperaturen und bis zu drei Meter Schnee auf den Bergen seien generell ein Nährboden für Lawinen, die von selbst abgehen, ohne dass Skitourengeher etwas dazu tun. Auch in Vent habe sich die Lawine von selbst gelöst, berichteten Bergretter. Patrick Nairz rät deshalb, wie so oft, zu einer Tourenplanung, die im Frühjahr einen frühen Start beinhaltet.

Im Ötztal, speziell im Raum Sölden, ist die Betroffenheit über den Tod von drei niederländischen Urlaubern groß. Vier Bergführer waren engagiert, um die 17-köpfige Gruppe zu führen. Alle vier sind Einheimische und sie gelten als erfahren. Josef Fiegl, der Ortsstellenleiter der Bergrettung Sölden, sprach bei einer einberufenen Pressekonferenz am Donnerstag in Sölden von einem „Restrisiko“, das man im Gebirge immer habe: „Ich würde das als Restrisiko einschätzen. Das sind extrem routinierte Bergführer, die tagtäglich unterwegs sind. Ich kenne diese vier auch persönlich. Und wenn Sie mich fragen, ich wäre da heute auch hineingegangen ohne irgendein Kopfweh. Leider ist es anders verlaufen.“

Allerdings gibt es auch andere Wortmeldungen, die den ORF Tirol erreichten. So ist unter Bergkundigen etwa die Frage aufgetaucht, ob die Bergführer mit der Urlaubergruppe nicht zu spät – die Lawine ging um 11.00 Uhr ab – unterwegs waren. Da gab es schon hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung. Eine Skitour nach 11.00 Uhr sei in keinem Fall ratsam, hieß es in Emails an die Redaktion.

Ein wenig Klugscheißerei drängt sich bei diesem Vorfall auf. Der hier betroffene Zustieg ist mir bekannt. Ich bin den Weg mindestens ein dutzend Mal gegangen. Im Frühjahr mit Ski, oder im Sommer zu Fuß. Uns Gelegenheitsbergsteigern war bekannt, dass der Weg im Frühjahr einer hohen Lawinengefahr ausgesetzt ist. Lawinenkegel waren bei jedem Besuch der Martin Busch Hütte zu queren, an den steilen Hängen oberhalb lag noch genügend Material für weitere Abgänge. Die Art des Schnees in den Lawinenkegeln machte deutlich, dass auch die beste Ausrüstung im Falle eine Verschüttung kaum hilft. Was da lag war wie Beton, meterhoch. Es gibt einfache Regeln für die Frühjahrsituation mit starker Erwärmung im Tagesgang: Start in Vent vor 7 Uhr in der Früh, die Hütte sollte man möglichst vor 9 Uhr erreichen. Nachmittags sollte man das Tal unterhalb der Hütte erst nach 17 Uhr wieder betreten. Wer davon abwich sollte wenigstens eine Kerze in der Kirche von Vent anzünden, hinterher, auch diejenigen, die nicht dem normalen Glauben anhängen. Aus Sicht des Laien haben hier die Skitourenführer falsch entschieden und nicht sachgerecht gehandelt. Wie war es mit dem lawinenkundlichen Beurteilungsvermögen? Als Ortskundige sollten sie die aktuelle Lage gekannt haben. Wenn der Ortstellenleiter der Bergrettung hier von „Restrisiko“ spricht halte ich das für fragwürdig. Was redet der Mann daher, wen will er schützen? Was ist das für eine Aktion, wenn eine Gruppe von insgesamt 21 Personen aufbricht? Vier Tourenführer, 17 Teilnehmer. Hat eine Eventagentur ein Toperlebnis in den höchsten Bergen Tirols verkauft? Die Leute haben bezahlt und wollen etwas geboten bekommen, die Tourenführer müssen liefern?

Ein weiterer Fall (Meldung der Tagesschau am 18.01.2026):

In Österreich sind bei drei Lawinenabgängen insgesamt acht Menschen ums Leben gekommen. Das teilten Bergrettung und die Polizei mit.

Am Nachmittag ging den Angaben zufolge eine Lawine am 2.150 Meter hohen Finsterkopf im Großarltal im Bundesland Salzburg nieder. Sieben Skitourengeher seien dabei verschüttet worden. Vier Mitglieder der Gruppe konnten laut Bergrettung nur noch tot geborgen werden. Die anderen wurden teils schwer verletzt.

Kurz zuvor war eine Frau, die zusammen mit ihrem Ehemann unterwegs war, im Raum Bad Hofgastein von einer Lawine erfasst worden. Auch sie starb unter den Schneemassen.

In der Gemeinde Pusterwald in der Steiermark kam es laut Polizei am späten Nachmittag zu einem weiteren Lawinenunglück. Sieben tschechische Skitourengeher waren in dem Gelände unterwegs, als sich eine Lawine löste. Drei von ihnen seien von der Lawine verschüttet worden, so die Polizei. Für sie kam jede Hilfe zu spät.

Hier ist der erste Vorfall schockierend. Betroffen war eine Kursgruppe des Alpenvereins. Vier von sieben Kursteilnehmern starben. Der Kurs habe im Rahmen eines regulären Winterausbildungsprogramms des Österreichischen Alpenvereins stattgefunden, In diesen Kursen geht es um Risikokompetenz und Sicherheitsbewusstsein..

Auch wenn ich jetzt vereinfache, gilt bei allen Fällen: Es gab genügend Gründe, die jeweiligen Aktivitäten im freien Gelände zu unterlassen oder zeitlich zu verschieben. Wären die verfügbaren Beobachtungen nüchtern analysiert worden, hätte es starke Argumente zum Verzicht auf die durchgeführten Aktivitäten gegeben, in Einklang mit der aktuellen Lawinenkunde. Die betroffenen Akteure haben anders entschieden, auch dafür fanden sie Argumente.

Das Verhalten der Tourengeher – ihr Sammeln von Informationen, ihre Entscheidungen, ihr Handeln – ist bei Lawinenunfällen zu berücksichtigen. Dieses Verhalten steht ursächlich hinter vielen Unfällen, nicht der Schneedeckenaufbau. Verhalten von Menschen kennen wir und können wir beeinflussen, das gilt nicht für die Schneedecke.

Die Beurteilung der Lawinengefahr ist mindestens so komplex wie Beurteilungen und Entscheidungen beispielsweise in der Vulkanologie, der Medizin, der Politik oder in der Finanzwirtschaft. Auch in diesen Bereichen geht es darum, Informationen zu sammeln und auf der Basis der gewonnenen Daten Entscheidungen zu treffen sowie Prognosen zu erstellen. Dies vor dem Hintergrund anerkannter (physikalischer, medizinischer, ökonomischer) Theorien. Es ist daher naheliegend zu vergleichen, wie in diesen Bereichen Entscheidungen und Vorhersagen ablaufen und wie zuverlässig diese sind. Tendieren wir doch dazu, Prognosen in der Politik, in der Finanzwelt oder, dies der vielleicht speziellste Fall, Diagnosen in der Medizin zu vertrauen.

Probabilistische, das heißt wahrscheinlichkeitsbasierte, Methoden suchen Entscheidungen auf der Basis von vorliegenden Informationen über die allgemeine Lawinengefahr – vermittelt durch die gegebene Lawinenwarnstufe für eine Region - und von Merkmalen der geplanten Tour, beispielsweise Neigung des zu befahrenden Hangs zu finden. Werner Munter (1997) gilt als Begründer dieses Vorgehens. Aktuell steht beispielsweise mit der SnowCard eine probabilistische Entscheidungshilfe zur Verfügung. Behr und Mersch (2017, 2019) zeigten, dass probabilistische Methoden sinnvolle Tools sind, da Unfälle reduziert werden, wenn die Methode eingesetzt wird. Von Günter Schmundlach wurde ab 2016 das Computerprogramm „Skitourenguru“ publiziert und seither kontinuierlich verbessert. Das Programm steht in der Tradition des von Werner Munter begründeten Ansatzes. Inzwischen liefert der Algorithmus eine Liste von konkreten Touren, die bei einer gegebenen Lawinenwarnstufe mit einem geringen Risiko zu begehen sind.

Analytische Methoden basieren in ihrem Kern auf der Beurteilung der Schneedecke. Höller (2017) fasst diesen Ansatz zusammen und sieht folgende Größen der Schnee- und Lawinenkunde als wesentlich für Skitourengeher: Sogenannte Lawinenmuster, die Schneestrukturen wie Neuschnee oder Triebschnee berücksichtigen, grundlegende Einflussgrößen wie Schneefall oder Wind, die Schneeklassifikation mit der Einbeziehung eines Stabilitätsindex, Tests der Schneedecke und Stabilitätstests und strategische Methoden der zusammenfassenden Beurteilung und Entscheidung. Analytische Methoden suchen auf der Basis physikalisch erfassbarer Zustände der Schneedecke eine Beurteilung der Lawinengefahr. Analytische Methoden streben in ihrem Kern an, mit naturwissenschaftlicher Exaktheit eine Schneedecke zu beurteilen und daraus eine Lawinenprognose abzuleiten.

Am Rande diese Erfahrung: Ein älterer Allgäuer Bergführer, er hat über Jahrzehnte Kunden auf Skitouren geführt, Kurse gegeben, hat mir mal erzählt, er habe auch Schneeprofile gegraben. Das habe er dann veranstaltet, wenn er mit seinen Kunden Zeit totschlagen musste. Für die Touren, die er dann führte, seien diese Löcher irrelevant gewesen.

Mit einem entscheidenden Problem befasst sich die alpine Lawinenkunde nicht erschöpfend. Es ist die Frage, wie Menschen Entscheidungen treffen. Welche Ideen über das Denken und Verhalten von Menschen haben eigentlich Lawinenexperten? Schlüssige Angaben darüber finden sich nicht. Ich gehe davon aus, dass Menschen auf Skitour von den einschlägigen Experten so gesehen werden: Logisch denkend, rational und abwägend entscheidend und handelnd, das verfügbare Wissen nutzend, den persönlichen Nutzen mehrend. Das Problem ist, reale Menschen sind nicht so.

Ein kleiner Exkurs in die sogenannte neoklassische oder neoliberale Ökonomie sei gestattet. Dort sieht man Menschen so: Wir seien autonome und rationale Individuen, suchten nach vollständigen relevanten Informationen und entschieden uns mit dem Ziel, unseren Nutzen zu maximieren. Der Agent in der herrschenden volkswirtschaftlichen Theorie ist rational, egoistisch und ändert seine Präferenzen nicht. Die Wirtschaftswissenschaft kennt Econs (den Homo oeconomicus) während die Psychologie reale Menschen, Humans, zum Gegenstand hat. Diese sind nicht rational, nicht völlig egoistisch und ihre Präferenzen sind nicht stabil. Leben Wirtschaftswissenschaftler und Psychologen auf verschiedenen Planeten? Für den Agenten, den die volkswirtschaftlichen Theorie postuliert, finden sich keine Belege, nicht in der Psychologischen Forschung, nicht im realen Leben. Aus der Psychologie wissen wir: Echte Menschen werden von der sofortigen emotionalen Wirkung von Gewinnen und Verlusten gesteuert, nicht von langfristigen Vermögensaussichten oder einer umfassenden Nutzenerwartung. Humans sind nicht rational, auch wenn sie für sich ein anderes Selbstbild bevorzugen und ihr Handeln als logisch, perfekt und fehlerfrei beschreiben. Die ökonomische Standardtheorie handelt von Econs, die immer rational handeln und keine Fehler machen. Tatsächlich sind Menschen nicht so. Ich unterstelle, dass Lawinenforscher Menschen als Econs sehen, nicht als Humans. Es wird vermutet, Menschen entschieden „wissensbasiert“ und rational. Diese Annahme ist nicht zutreffend. Der Versuch, reales Verhalten von Menschen nicht oder nur am Rande zu berücksichtigen ist ein blinder Fleck in der alpinen Lawinenforschung. Die Psychologie sollte gebührend berücksichtigt werden.

 

Psychologische Faktoren im Umgang mit der Lawinengefahr

Die ausgewählten Beispiel zeigen, dass Entscheidungen von Menschen nicht rational und logisch sind, dass sie nicht „wissensbasiert“ erfolgen. Entscheidungen werden beeinflusst von Emotionen, von Vorurteilen, Schemata und Einstellungen, von Ressentiments, von Aussichten auf Gewinn. Auch Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen Entscheidungen enorm. Wir entscheiden selten auf Basis einer logisch nachvollziehbaren Analyse vorhandener Informationen, das gilt nicht nur für die Beurteilung der Lawinenlage. Diese Aussage empfinden viele Menschen, ganz besonders Experten, als Frontalangriff auf ihre Autonomie und Kompetenz, auf ihren freien Willen. Wir werden sehen.

Wir gehen nicht in die Berge, um dort wissenschaftlich zu arbeiten, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen oder Geschäfte zu machen. Wir gehen in die Berge, um dort gute Gefühle zu spüren. Im weiteren Sinne dient Bergsteigen der Emotionsregulation. Mit Grawe (1998) kann man postulieren, dass es menschliche Grundbedürfnisse gibt, die wir zu befriedigen suchen, gerade auch dann, wenn wir in den Bergen unterwegs sind. Es sind dies die Bedürfnisse nach Kontrolle, nach Lusterleben, nach Selbstwerterhöhung und nach Bindung. Und anders als im normalen Alltag suchen wir in den Bergen ein Erleben, bei dem es um das Tun selbst geht. Wir Klettern um des Kletterns willen, befahren einen Tiefschneehang, um uns im schwerelosen Zustand des Abwärtsschwebens zu verlieren.

Wir wollen spielen, die reine Freude am Tun erleben. Das hat schon Friedrich Schiller gesehen: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Wenn wir spielen gehen wir in der ausgeübten Aktivität auf, wir kommen in ein Flow-Erleben. Seit Csikszentmihalyi (1985) werden die Merkmale von Flow-Erleben so beschrieben: Volle Konzentration, Veränderung des Bewusstseins, Hingabe an die Tätigkeit, Die Trennung zwischen Ich und Umwelt verschwindet, die Belohnung liegt in der Tätigkeit selbst. Skifahren ist eine typische autotelische Tätigkeit, Risiko und Gefahr führen zu einem besonders intensiven Erleben. Skitourengehen ist hochemotional, daher sind Entscheidungen und Risikoverhalten von Tourengehern immer von Emotionen gesteuert.

Persönlichkeitsmerkmale bestimmen Entscheidungen in hohem Maße. Beispielsweise unterscheiden sich Menschen in ihrem Streben nach Selbstwerterhöhung oder in ihrem Bedürfnis Kontrolle auszuüben. Aufmerksamkeit zu erhalten, im Mittelpunkt zu stehen, über andere Personen zu bestimmen und Regeln aufzustellen kennzeichnen Menschen mit einem narzisstischen Persönlichkeitsstil. Insbesondere die sehr positive Beurteilung der eigenen Kompetenz und den Umgang mit Risiken prägen diesen Persönlichkeitsstil. Menschen mit einem hohen Maß an Optimismus und einem ausgeprägten Selbstbewusstsein gehen generell mehr Risiken ein. Eine besondere Gefahr entsteht aus dem Gefühl der eigenen Unverletzlichkeit, das speziell bei (jungen) Männern auftritt. Auch das Bedürfnis, in sozialen Medien präsent zu sein und seine Taten in Echtzeit zu präsentieren befördert das Eingehen von Risiken. Insofern steigert die Präsenz in facebook, twitter oder instagram das Risiko, in eine Lawine zu geraten.

Menschen, bei denen ängstlich vermeidende Persönlichkeitszüge dominieren, unterschätzen ihre eigenen Kompetenzen, sie gehen grundsätzlich weniger Risiken ein, vermeiden Gefahren, auch nur vermeintliche. Allein die Vorstellung, man könne in Gefahr geraten, blockiert das Handeln. Dies ist ein Verhaltensmuster, das bei Menschen mit Angstproblemen zu beobachten ist. Solche Personen sind prinzipiell weniger gefährdet, bei zweifelhaften Verhältnissen in lawinenbedrohtes Gelände zu gehen. Sie sind andererseits in ihrem Handlungsspielraum eingeschränkt, im Extremfall blockiert die Angst den gesamten Alltag.

Menschen gehen nicht alleine in die Berge, gerade auf Skitour gehen wir mit Partnern. Entscheiden ist ein Gruppenprozess. Eine Gruppe wird selten der ängstlich–vermeidenden Meinung folgen. Durchsetzen werden sich diejenigen, die vor Kraft und Optimismus strotzen und ihre Einschätzung mit hoher persönlicher Überzeugungskraft vortragen. Das sind nicht die Ängstlichen.

 

Rausch, Ekstase, Sensation Seeking

Menschen streben nach rauschhaften und ekstatischen Zuständen, das folgt aus dem menschlichen Grundbedürfnis nach lustvollem Erleben. Dieses Begehren mag individuell in sehr unterschiedlichen Ausprägungen vorliegen, es lässt sich aber grundsätzlich nicht aus der Welt schaffen. So sind bisher wirklich alle Versuche, eine Gesellschaft frei von Drogen zu etablieren, gescheitert.

Sicher ist, wer in die Berge geht, erlebt intensive Gefühle bis hin zu rauschartigen Empfindungen. Das ist gerade Kletterern und Skitourengehern geläufig. Dieses Erleben zieht uns immer wieder in die Natur und es gibt Bergsteiger, die es nach immer intensiveren Empfindungen verlangt. Es ist dann nur ein kurzer Weg hin zu suchtartigem Verhalten.

Es liegt nahe, gerade auch den Begriff des Sensation-Seeking, den Marvin Zuckermann (1964) in die Persönlichkeitspsychologie einführte, mit dem Bergsteigen in Verbindung zu bringen. Zuckermann versteht Sensation-Seeking als eine «überdauernde Persönlichkeitseigenschaft, die durch das Aufsuchen von verschiedenen neuen, komplexen und intensiven Empfindungen und Erfahrungen gekennzeichnet ist sowie durch die Bereitschaft, dafür körperliche, soziale, juristische und finanzielle Risiken in Kauf zu nehmen». Das Sensation-Seeking bestimmen nach den hier genannten Vorstellungen folgende Komponenten:

  • Gefahr- und Abenteuersuche: Eine Tendenz, sportliche und andere Aktivitäten auszuüben, die mit Gefahr und/oder Geschwindigkeit einhergehen.
  • Enthemmung: Tendenz zu sozial und sexuell enthemmtem Verhalten.
  • Erfahrungssuche: Suche nach Erfahrungen durch einen nonkonformistischen Lebensstil und Reisen.
  • Abneigung gegen Routine und Wiederholungen.

Menschen können Gefahr, Geschwindigkeit, neue Reize als sehr lustvoll erleben und suchen dann gezielt nach Wegen, solche Zustände herzustellen. Bergsteigen bietet sich dazu an. Es scheint auf der Hand zu liegen, dass diese Eigenschaft bei Bergsteigern besonders ausgeprägt ist. Diese Eigenschaft lässt sich im Prinzip durch Testverfahren gut erfassen. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob bei Bergsteigern jemals systematisch nach der Ausprägung dieser Eigenschaft gesucht wurde.

Es ist klar: wenn Menschen in einem rauschartigen Zustand sind, wenn ihr Verhalten suchtartig wird, wenn sie nach starken Gefühlen suchen, entscheiden sie nicht nach rationalen Kriterien. Sie entscheiden sich vielmehr für die Handlungsalternative, die mit dem intensivsten Lusterleben verbunden ist. Eine sicherheitsorientierte Lawinenbeurteilung ist kaum möglich. Und Skitourengeher sind manchmal wie auf Dope, wenn sie den Kick der ersten Linie suchen, wenn es Powderalarm gibt, wenn der Sog der Tiefe einen Adrenalinschub auslöst. Genau darauf hat ja auch Beikircher im erwähnten Aufsatz hingewiesen.

 

Schnelles Denken – Langsames Denken

Können wir überhaupt rational entscheiden, können wir statistische Fakten berücksichtigen? Wir können, wenn wir uns anstrengen, wir tun es aber selten. Im Alltag sind wir allzu oft Opfer kognitiver Täuschungen. Unser Denken richtet sich nicht nach Logik und Statistik. Folgen wir Daniel Kahnemann (2011), so ist festzustellen, dass beispielsweise das Problem der Selbstüberschätzung generell auftritt. Und dass wir, was unser Denken angeht, viel weniger über uns wissen, als wir zu wissen glauben. Daniel Kahnemann, seit Jahrzehnten einer der einflussreichsten Wissenschaftler im Bereich der Kognitiven Psychologie, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften und mit der Publikation des Buches „Schnelles Denken – Langsames Denken“ auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt, liefert mit seiner Analyse einen Zugang, mit dem sich die Schwierigkeiten bei der Beurteilung von Lawinensituationen kritisch würdigen lassen.

Es gibt, in der Psychologie bestens etabliert, zwei Arten zu Denken. Ein schnelles und ein langsames System. Das schnelle Denken oder System 1 ist unser Standardsystem im Alltag, wenn wir schnell und automatisiert Informationen verarbeiten. Wir können dieses System relativ mühelos einsetzen, es bedarf keiner willentlichen Steuerung und es liefert schnell und quasi ungefragt Entscheidungen zu praktisch allen Alltagsfragen. Das langsame Denken oder System 2 lenkt die Aufmerksamkeit auf anstrengende mentale Aktivitäten, die Aufmerksamkeit und Konzentration benötigen, zum Beispiel, wenn es um Berechnungen geht oder bei der Analyse statistischer Daten. Wenn wir im System 2 agieren geht das mit dem subjektiven Empfinden von Handlungsmacht, Entscheidungsfreiheit und Konzentration einher. Die Meinung, die wir über uns selbst haben ist die, dass unser System 2 bestimmend ist. Wir sehen uns selbst als logisch denkende und unser eigenes Handeln stets bewusst kontrollierende Personen. Die wichtigere Instanz ist indessen das System 1. Dieses schnelle und belastbare System erzeugt Eindrücke und Gefühle, die die Hauptquellen der expliziten Überzeugungen und bewussten Entscheidungen von System 2 sind. Es geht – wie bei allen Tieren – um angeborene Fähigkeiten, die wir benötigen, um uns in unserer Umwelt zu orientieren, um uns vor Gefahren zu schützen und schnell Vorteile zu realisieren. Wir steuern dadurch unsere Aufmerksamkeit, vermeiden Verluste und stellen in rasantem Tempo emotionale Reaktionen bereit (z.B. Angst), die uns warnen, schützen aber auch antreiben. Durch lange Übung entstehen automatisierte Routinen, wir lernen auch stabile Assoziationen zwischen Vorstellungen und Erfahrungen. Wenn unser System 1 aktiv ist bewegen wir uns sozusagen im Autopilotenmodus. Wir nutzen unser umfängliches gut vernetztes Wissen über die Natur, über Kultur, Gesellschaft und Sprache, gespeichert im Gedächtnis, und können ohne besondere Intention und Anstrengung schnell reagieren. Es geht um Reaktionen auf Anforderungen wie:

  • Vervollständigen Sie den Ausdruck „Brot und …“
  • Wenden Sie sich der Quelle eines plötzlichen Geräusches zu
  • Fürchten Sie sich vor einer Schlange

Das Problem unseres Systems 1 ist: Es versteht kaum etwas von Logik und Statistik und es kann nicht abgeschaltet werden. Es ist daher anfällig für Täuschungen, diese können sich auf optische oder akustische Reize beziehen, aber auch das Denken betreffen.

Ein Beispiel, das Schläger und Ball Problem: Ein Schläger und ein Ball kosten 1,10 Euro. Der Schläger kostet einen Euro mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Achtung: Beantworten sie diese Frage jetzt. Diese Frage löst eine intuitive Antwort hervor, die falsch ist. Wir tendieren hier zu einer schnellen Antwort, mit der wir meist daneben liegen. Das passiert allzu oft, wenn wir unserer Intuition, unserem gesunden Menschenverstand vertrauen. Zur Lösung: Schalten sie System 2 ein, nehmen sie Papier und Bleistift, rechnen sie, widersetzen Sie sich Ihrer Intuition.

System 2 erfordert unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und dauerhafte Konzentration, wobei unser Aufmerksamkeitsbudget beschränkt ist. Unser System 2 ermöglicht uns die fortwährende Überwachung des Verhaltens. System 2 ermöglicht Selbstbeherrschung und die Regulation der Impulse, die System 1 generiert. Unser Selbstbild, wir sehen uns ja als mit Bewusstsein und Willen begabte Wesen, basiert auf dem Wirken von System 2. Beispiele für das Wirken von System 2 sind:

  • Nach einer Frau mit rotem Haar Ausschau halten
  • Mit dem Kletterführer in der Hand den Einstieg einer Kletterroute suchen
  • Vorhersagen über die Kursentwicklung einer Aktie abgeben

Es ist mühsam, System 2 zu nutzen. Faulheit ist tief in unserer Natur angelegt, wir wählen daher üblicherweise den Weg, der mit dem geringsten Arbeitsaufwand verbunden ist. Spontan vertrauen wir allzu gerne auf die Entscheidungen, die uns System 1 nahelegt. Aber nur System 2 kann Regeln befolgen, Objekte in Bezug auf mehrere Merkmale vergleichen und wohlüberlegte Wahlen zwischen Optionen treffen, das automatische System 1 besitzt diese Fähigkeit nicht.

Entscheidungen über die Lawinengefahr erfordern ein aktiviertes System 2. Denn wir verfügen über keine angeborenen oder aus Erfahrungen aufgebaute Automatismen, die uns in einer Winterlandschaft bedrohliche Lawinensituationen schnell, sicher und mit Leichtigkeit erkennen lassen. Nur sehr wenige Tourengeher haben jemals tatsächlich direkt einen Zusammenhang zwischen einem Lawinenabgang und gegebenen Bedingungen bei Schneedecke, Wetter und Gelände erlebt, sozusagen die Lawine sinnlich gespürt. Natürlich kann man häufig Lawinenabgänge beobachten, man kann mitunter auch Wumm Geräusche hören. Ein intuitives Warnsystem lässt sich mit diesen seltenen Erfahrungen aber schwer aufbauen. Denn intuitive Expertise ist abhängig von der Qualität und Schnelligkeit unmittelbaren Feedbacks in konkreten Lernsituationen. Man benötigt umfassende Übung mit Lawinen, muss ein Gespür für Schnee und Gefahr erwerben, die Risiken mit den eigenen Sinnen gefühlt haben. Es gibt sicher Experten, die ein Gefühl für Lawinen erworben haben, automatisch Hinweisreize aufnehmen und intuitiv entscheiden - ohne eine Begründung für die Entscheidung parat zu haben. Trotzdem sollten wir vorsichtig mit unserer Intuition sein, denn verlässliche Intuitionen erwerben wir nur, wenn es stabile Regelmäßigkeiten in unserer unmittelbaren Umwelt gibt, aus denen wir unser intuitives Wissen aufbauen können. Als Freizeitsportler haben wir normalerweise nicht den nötigen Erfahrungsschatz zum Aufbau verlässlicher Intuitionen in Bezug auf Lawinen.

Unser System 1 ist nicht auf die Bewertung einer Lawinengefahr vorbereitet, es wird aber dennoch ein Urteil abgeben. Spontan generierte Eindrücke, Gefühle und Überzeugungen sind der natürliche Output unseres System 1, das sich ja nicht abschalten lässt. Sie entsprechen dem was, gerne auch abwertend, als Bauchgefühl bezeichnet wird. Wir haben gar nicht die Wahlfreiheit, intuitiv oder rational zu entscheiden. Der Standard ist die schnelle Entscheidung durch System 1, dies ist immer eine „Bauchentscheidung“. Nur wenn wir ganz bewusst die volle Denk- und Rechenleistung unseres Zentralorgans aktivieren, kommen wir zu einer rationalen Entscheidung. Das machen wir allerdings eher selten, dagegen steht die uns gegebene Faulheit. Solange wir darauf verzichten, unser System 2 zu aktivieren, gehen wir unbeschwert und mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben (und auf die Berge), begeben uns aber mitunter in die Gefahr, gewaltige Fehlentscheidungen zu treffen.

 

Kognitive Täuschungen

Ich möchte einige schwerwiegende und allgegenwärtige kognitive Täuschungen herausgreifen, die zeigen, wie fehlerhafte Beurteilungen der Lawinengefahr zustande kommen können.  Zum umfassenden Studium seien dem Leser das gut lesbare Buch von Kahnemann oder die journalistischen Texte von Rolf Dobelli (2011) empfohlen.

Kahnemann hat die „WYSIATI Regel“ formuliert, die beschreibt, wie wir mit Informationen umgehen. Mit „What You See Is All There Is“ ist gemeint, dass nur das was man gerade weiß zählt und in eine Entscheidung einfließt. Konkret bedeutet das, wir ziehen voreilige Schlussfolgerungen auf beschränkter Datenbasis. Dies geschieht im Alltag generell! Zur Beantwortung einer Frage wird nur das herangezogen, was man gerade an Informationen hat. Auf einer Skitour mag das sein: Der persönliche Auftrieb und die Stimmung in der Gruppe sind positiv, gutes Wetter, guter Schnee, gute Spur, gute Sicherheitsausrüstung, harmonische Gruppe, überzeugende Führung, keine ängstlichen Begleiter. Auf dieser Datenbasis wird der Umgang mit dem Lawinenrisiko weniger vorsichtig sein, als in Situationen die durch tendenziell negativere Grundparameter gekennzeichnet sind. Wenn wir den Eindruck haben, dass „alles schon passt“ werden wir gehen. Aber „passt scho“ ist eine typische (Fehl-)Leistung von System 1, abgegeben aus einer aktuellen Stimmung heraus.

Auch ein übersichtliches Verfahren wie die SnowCard erfordert die Inbetriebnahme von System 2. Der überwiegende Teil der Lawinentoten wäre vermeidbar, würde die Strategie benutzt. Menschen verzichten aber darauf, diese Mühe auf sich zu nehmen.

Kompetenzillusion und Selbstüberschätzung sind tief in unserer Kultur verwurzelt. Folgen wir den Ausführungen von Kahnemann zeichnen sich beispielsweise die Akteure in der Finanzwirtschaft durch besondere Ausprägungen dieser Fehler aus: „Investmentfonds werden von äußerst erfahrenen und tüchtige Fachleuten gemanagt, die Aktien kaufen und verkaufen, um die bestmöglichen Ergebnisse für ihre Kunden herauszuholen. Dennoch ist die Datenlage nach über fünfzigjähriger Forschung eindeutig: Bei der großen Mehrheit der Fondsmanager gleicht die Auswahl von Einzeltiteln eher einem Würfel- als einem Pokerspiel. Im Allgemeinen ist die Wertentwicklung bei zwei von drei Investmentfonds in jedem beliebigen Jahr schlechter als die des Gesamtmarktes.“

Er referiert eine Studie der Duke Universität. Finanzvorstände von Großunternehmen sollten die durchschnittliche Rendite eines Aktienindex von Standard & Poor’s im folgenden Jahr vorhersagen. Insgesamt 1600 Vorhersagen wurden analysiert. Das Ergebnis: Die Finanzvorstände hatten keinen blassen Schimmer davon, wie sich der Aktienmarkt auf kurze Sicht entwickeln würde. Und die Finanzvorstände wussten nicht, dass ihre Vorhersagen wertlos sind.

Dies wird als „Overconfidence – Effekt“ bezeichnet. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem, was Menschen wirklich wissen, und dem, was sie denken zu wissen. Am stärksten ist dies bei Männern und Experten ausgeprägt. Konkret führt das zu einem hohen Zutrauen in die eigene Urteilskraft, und zu einem Mangel an Skepsis gegenüber eigenen Entscheidungen. Auch im Falle der Abschätzung eines Lawinenrisikos sollten wir bedenken, dass gerade erfahrene Geher gefährdet sind, diesem Effekt zum Opfer zu fallen.

Übersehen wird, dass Erfolg zu großen Teilen dem Zufall und dem Glück geschuldet ist. Ein anderes alltägliches Beispiel für die Fehleinschätzung eigener Kompetenzen betrifft Autofahrer. 90 Prozent glauben überdurchschnittlich gut zu fahren. Auch dies ein Beispiel eines überzogenen Glaubens an die eigene Überlegenheit.

Grundsätzlich gilt, dass Expertisen durch ausgeprägte Vorhersagefehler belastet sind. Bedeutende historische Ereignisse, gerade auch solche in jüngster Zeit, wurden praktisch nie korrekt prognostiziert. Das gilt beispielsweise für die Finanzkrise im Jahr 2008, den Fall der Mauer, die Auflösung der Sowjetunion, den Siegeszug des Internet, den Bürgerkrieg in Syrien, den ersten Wahlsieg Trumps, die Brexit-Entscheidung. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. In solchen Fällen geht es darum, vorliegende Daten zu interpretieren und eine Vorhersage zu treffen. Die Ausgangslage ist vergleichbar mit der Vorhersage eines Lawinenrisikos. Besonders zu bedenken ist, dass Experten in ihren Vorhersagen nicht deutlich besser abschneiden als Nichtexperten. Vieles in der Welt ist nicht vorhersagbar, das gilt auch für den Abgang von Lawinen. Die starke subjektive Überzeugung, das persönlich vorhandene Wissen um Schnee und Lawinen mache ein Urteil sicher, ist leider häufig der Ausdruck einer Kompetenzillusion.

Auf Slovic (2002) geht das Konzept der Affektheuristik zurück. Eine Heuristik ist ein Verfahren, das uns hilft, adäquate, wenn auch oftmals unvollkommene Antworten auf schwierige Fragen zu finden. Wenn wir eine Frage nicht wirklich beantworten können, ersetzen wir sie durch eine einfachere Frage, die wir stattdessen beantworten. So mögen wir die schwierige Frage „wie zufrieden bin ich gerade mit meinem Leben“ mit der einfachen Frage „wie ist gerade meine Stimmung“ beantworten. Das Konzept der Affektheuristik besagt nun, dass wir bei Urteilen und Entscheidungen unsere Emotionen zurate ziehen. Unter vielen Lebensumständen bilden sich demnach Menschen Meinungen und treffen Entscheidungen, die unmittelbar ihre Gefühle und ihre grundsätzliche Annäherungs- und Vermeidungstendenz zum Ausdruck bringen. Und sie wissen in diesem Fall nicht, dass ihre Entscheidungen durch Gefühle bestimmt werden. Kahnemann führt aus, dass diese Affektheuristik ein Fall von Ersetzung ist, bei dem die Antwort auf eine leichte Frage (Welche Gefühle weckt das in mir?) als Antwort auf die viel schwierigere Frage dient (Was denke ich darüber?). Wie ausgeführt, ist eine Tour im winterlichen Gebirge mit starken positiven Emotionen verknüpft. Diese Emotionen können die Entscheidung über Gehen oder Nicht-Gehen bestimmen, dies insbesondere dann, wenn das Wissen über die Lawinengefahr unklar und kompliziert ist und wenn das Wissen eventuell zu einer Entscheidung führt, die mit Verlusten verbunden ist, wenn auf eine Tour verzichtet wird. Es ist bei Menschen die Unfähigkeit verbreitet, sich von einer gesunden Furcht vor negativen Konsequenzen leiten zu lassen.

Hier ist es der Punkt, auf die Verlustaversion hinzuweisen. Bestens dokumentiert ist: Der Verlust durch einen Verzicht wird emotional ungleich viel deutlicher wahrgenommen als der Gewinn durch eine vergleichbare positive Konsequenz. Der Verzicht auf eine Tour wird emotional als Verlust erlebt, da ein guter Tag verschenkt werden muss, da man verzichtet. Dieser kurzfristige negative Effekt überstrahlt den theoretischen Gewinn an Gesundheit und Leben. Die Aussicht auf diesen Gewinn ist in der Situation des Verzichts wenig wirksam.

Der Confirmation Bias gilt als der „Vater aller Denkfehler“. Damit ist die Tendenz gemeint, neue Information so zu interpretieren, dass sie mit unseren bestehenden Theorien, Weltanschauungen und Überzeugungen kompatibel sind. Gefährlich wird das, wenn wir eine Voreinstellung zu einer Tour haben, von der wir meinen, wir müssen sie unbedingt machen. An diesem Punkt werden wir Informationen so auswählen und bewerten, dass sie unsere Intention unterstützen. Informationen und Daten, die nicht zur Planung passen, werden dann ausgefiltert, nicht zur Kenntnis genommen und fließen nicht in die Entscheidung ein. Wir sind uns dieser Täuschung nicht bewusst.

Kontrollillusion: Bezeichnet die Tendenz, überzeugt zu sein, dass wir etwas kontrollieren oder beeinflussen können, über das wir tatsächlich keine Macht haben. Wir befördern unser Kontrollbedürfnis bei Skitouren dadurch, dass wir uns perfekt ausrüsten. Lawinenairbag, VS-Gerät, Schaufel und Sonde geben das Gefühl, die Kontrolle zu behalten, auch wenn wir doch in eine Lawine geraten sollten. Im Text sind bereits mehrere Beispiele aufgeführt, dass sich das Lawinenrisiko durch diese Ausrüstung nicht kontrollieren lässt. Was bleibt, ist die Illusion, alles im Griff zu haben.

Natürlich gibt es Experten mit einem fundierten Wissen über Schnee und Lawinen, mit profunden Kenntnissen über die Entwicklung der Lawinengefahr in einer Region. Konkrete Prognosen über einen punktuellen Lawinenabgang, bezogen auf einen Hang zu einem bestimmten Zeitpunkt sind dennoch selten über alle Zweifel erhaben. Das liegt daran, dass unser Denken grundsätzlich anfällig für Täuschungen und Störungen ist. Unsere Entscheidungen sind oft nicht sachgerecht, dessen sind wir uns nicht bewusst. Und es liegt daran, dass konkrete Lawinenereignisse auch durch den Zufall bestimmt bleiben.

Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die grundlegende Frage, ob an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Hang zu einer bestimmten Zeit eine Lawine abgeht, nicht beantwortet werden kann. Als Tourengeher muss ich Risiken und Wahrscheinlichkeiten abschätzen. Da wir die entscheidende Frage – gibt es einen Lawinenabgang oder nicht - nicht beantworten können, ersetzen wir sie durch eine Frage, die wir beantworten können und aus deren Beantwortung wir das Risiko besser einschätzen können. Fragen, die wir beantworten können sind die nach Lawinenproblemen (z.B.: gibt es Neuschnee? gibt es Triebschnee?) oder nach Gefahrenmustern (z.B.: haben wir eine Frühjahrssituation?). Wird eine derartige Frage mit ja beantwortet, habe ich es mit einem erhöhten Lawinenrisiko zu tun. Die fünf Lawinenprobleme und die zehn Gefahrenmuster sind letztendlich Heuristiken, einfache Fragen, die eine komplizierte Frage ersetzen. Die Frage „Lawine ja oder nein“ wird durch eine Frage ersetzt, auf die eine Antwort möglich ist.

 

Die Mathematik von (Fehl-) Entscheidungen

Wie gehen wir mit Informationen um, wie schätzen wir eigentlich Risiken ein? Gelingt uns das? Als Beispiel ziehe ich eine Fragestellung in der medizinischen Diagnostik heran, die von Gerd Gigerenzer (2002) so publiziert ist. Das Problem: 1000 Frauen im Alter zwischen 40 und 50, die an keinen Krankheitssymptomen leiden, nehmen an einem Mammographie-Screening teil. Das epidemiologische Wissen zu dieser Ausgangslage: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine dieser Frauen Brustkrebs hat beträgt 0,8 Prozent (Punktprävalenz in dieser Altersgruppe). Wenn eine Frau Brustkrebs hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit 90 Prozent, dass ihr Mammogramm positiv ist. Wenn jedoch eine Frau keinen Brustkrebs hat, beträgt die Wahrscheinlichkeit 7 Prozent, dass ihr Mammogramm dennoch positiv ausfällt. Und nun die Frage, die sich stellt: Angenommen bei einer Frau ist das Mammogramm positiv. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich Brustkrebs hat.

Die richtige Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine der untersuchten Frauen Brustkrebs hat, wenn das Mammogramm positiv ausfällt, liegt bei 9 Prozent! Die Berechnung erfolgt nach der Bayes`schen Regel. Die Berechnung kann für die natürliche Häufigkeiten erfolgen oder für bedingte Wahrscheinlichkeiten.

 

Grafisch stellt sich das Problem so dar:

 Lawinen Grafik

 

Die Formel für natürliche Häufigkeiten:

Formel1

a: Häufigkeit von richtig positiven Ergebnissen = 7

b: Häufigkeit von falsch positiven Ergebnissen = 70

 

Die Formel liest sich folgendermaßen: p ist die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung, gegeben ein positives Testergebnis liegt vor.

Operieren wir mit bedingten Wahrscheinlichkeiten ergibt sich folgende Formel:

 Formel2

 

Leser werden die Lösung (9 Prozent Wahrscheinlichkeit krank zu sein, wenn der Test positiv ausfällt) eher aus der Anschauung finden, wenn sie mit den natürlichen Häufigkeiten rechnen, aber auch dann sperrt sich der „gesunde Menschenverstand“ gegen dieses Resultat. Die Chancen die Lösung zu finden, verschlechtern sich enorm, wenn sie mit den Wahrscheinlichkeitsangaben operieren müssen. Wir sehen erstens, wie schwer es ist, mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen, wie unzuverlässig unser System 1 ist, wenn wir Berechnungen vornehmen müssen und wie wenig verlässlich der „gesunde Menschenverstand“ ist. Das Ergebnis ist zudem ernüchternd, da es die offensichtliche Schwäche von Vorsorge und Prognose offenlegt. Der Nutzen von Vorsorge in der Medizin ist daher, zumindest was beispielsweise die genannte Altersgruppe angeht, fraglich und durchaus umstritten. Statistisches und testtheoretisches Grundlagenwissen sollten vorhanden sein, wenn es darum geht Risikoabschätzungen vorzunehmen.

Beruhigend oder beängstigend – ganz wie man es sehen möchte - ist, dass auch Ärzte oft genug die Ergebnisse von Vorsorgeuntersuchungen, die sie ihren Patienten kommunizieren müssen, nicht korrekt interpretieren können.

Das Problem ist auch in Fragen der Öffentlichen Sicherheit, der Gefahrenbekämpfung und der Terrorismusabwehr relevant. Es gibt Spähprogramme, eingesetzt von Geheimdiensten und Behörden, die Personendaten analysieren und Terroristen identifizieren sollen. Auch hier erkennt das Diagnosesystem mit einer bestimmten Sensitivität die gefährlichen Personen. Möglicherweise erkennt das Programm mit einer Wahrscheinlichkeit von 99 Prozent einen Terroristen als solchen. Wird nun eine sehr große Stichprobe analysiert ergeben sich zwangsläufig auch hier viele falsch positiv Ergebnisse. Viele Unschuldige werden fälschlich als Terroristen eingestuft. Mit fatalen Folgen für die Betroffenen, das Etikett Terrorist bleibt an ihnen auf Dauer haften. Dies ist verbunden mit immensen Kosten für die weiteren Nachforschungen und Überwachungen. Konkret: Die meisten Personen, die von Algorithmen als Terroristen identifiziert werden, sind keine. So wie auch bei den meisten Menschen, bei denen in einem Screeningverfahren eine Krankheitsdiagnose gefunden wird, diese Krankheit nicht haben.


(Fehl-) Entscheidungen bei Lawinenprognosen

Wieso diese Beispiele? Wir können die medizinische Diagnosefrage und das sicherheitspolitische Thema direkt auf die Risikobewertung einer Lawinensituation übertragen. Auch hier haben wir es mit einem Test zu tun. Und auch hier ist der prognostische Wert der Bewertung der Lawinengefahr aus statistischen Gründen beschränkt. Denn es gilt grundsätzlich: In den meisten Fällen, in denen die Lawinenkunde ein Stopp formuliert oder eine „hohe Wahrscheinlichkeit“ für einen Lawinenabgang vorhersagt, wird keine Lawine abgehen.

Testergebnis

Lawinenabgang: ja

Lawinenabgang: nein

Positiv

Sensitivität des Tests

Falsch-positiv-Rate

Negativ

Falsch-negativ-Rate

Spezifität des Tests

Tabelle 1: Vierfeldertafel, in der die vier möglichen Ergebnisse eines Tests zusammengefasst werden. Ein Test, beispielsweise das Resultat einer Systematischen Schneedeckendiagnose oder einer Snow Card Anwendung kann vier Ergebnisse haben: positiv bei Abgang einer Lawine, positiv ohne Abgang einer Lawine, negativ bei Abgang einer Lawine sowie negativ ohne Abgang einer Lawine. Die Anteile, mit der diese vier Ereignisse auftreten, nennt man Sensitivität oder Richtig-positiv-Rate, Falsch-positiv-Rate, Falsch-negativ-Rate sowie Spezifität oder Richtig-negativ-Rate. Grau unterlegt sind die beiden möglichen Fehler. Im Beispiel mit der Mammographie ist a die Häufigkeit von richtig-positiv Ergebnissen und b die Häufigkeit von falsch positiv Ergebnissen.

Was bedeutet das für Lawinenprognosen? Liefert die SnowCard ein Resultat im Bereich orange oder rot bedeutet das eine „hohe Wahrscheinlichkeit für eine Lawine“. Wie hoch die Richtig-positiv-Rate ist, kann aber im Gegensatz zur Mammographie nicht berechnet werden, da epidemiologische Daten nicht vorliegen. Auch die Falsch-positiv-Rate ist unbekannt, vermutlich aber beträchtlich.

Nicht anders sieht es aus, wenn wir Schwachschichten in der Schneedecke identifizieren und daraus eine Prognose ableiten. Auch dann werden wir eine große Anzahl von falsch-positiven Resultaten erzielen.

Bei der Beurteilung eines Lawinenrisikos wenden wir Diagnoseinstrumente an. Auch hier finden wir falsch positive Resultate und falsch negative Resultate. Was fehlt sind die entscheidenden Werte, die wir benötigen, um etwas über die Vorhersagekraft eines Tests aussagen zu können. Es gibt in der Schneewissenschaft anders als in der Medizin keine Epidemiologie. Wir kennen die Zahl der Skitourengänger nicht. Wir wissen nicht, wie hoch der Prozentsatz, der insgesamt verunfallten und der tödlich verunfallten ist. Wir kennen auch nicht die Zahl der Lawinenabgänge, weder insgesamt für die Alpen noch für eine Region oder einen Hang. Die Sensitivität (Richtig positiv Rate) unserer Diagnoseinstrumente ist unbekannt. Auch die Spezifität (Richtig negativ Rate) ist unbekannt. Die zur Verfügung stehenden Instrumente haben eine sehr viel geringere prognostische Güte als wir annehmen. Das liegt nicht daran, dass die Instrumente und Verfahren grundsätzlich schlecht sind. Es liegt an den testtheoretischen Rahmenbedingungen und an der zugrundeliegenden Mathematik. Diese Einschränkungen werden in der Lawinenwissenschaft bisher zu wenig berücksichtigt. Sie sind, auch den beteiligten Sozialwissenschaftlern, gar nicht bekannt, vermute ich.

Schweizer et al. (2019) weisen auf folgende zwei Tatbestände hin. Erstens: „Die europäische Lawinengefahrenskala strotzt nur so von Begriffen wie „viele, einzelne, zahlreiche, fallweise, wahrscheinlich…“ … was aber heißt viele? Lässt sich das quantifizieren – und wie groß sind diese Lawinen?“  Klar ist, es gibt in der Lawinenkunde viel weniger Exaktheit, als wir uns wünschen, wir müssen uns vielmehr mit unsicherem Wissen abfinden. Zweitens: „Vorerst fragen wir uns, wie viele Lawinen einer bestimmten Größe treten typischerweise bei einer bestimmten Gefahrenstufe auf. Simpel eigentlich, und doch scheint es keine klaren Antworten zu geben.“ Die Autoren referieren, bei Hinweis auf generell fehlende Zahlen, über vorhandene Datensätze aus der Region Davos, die zu einer ersten noch beschränkten „Epidemiologie von Lawinen“ führen können. Eben zu einem Wissen darüber wie viele, wie große Lawinen auftreten, wenn eine bestimmte Gefahrenstufe vorliegt.

Eine „falsch positiv“ Rate tritt bei jedem Test und bei jeder Diagnostik auf. D.h. es liegt ein positives Testergebnis vor, das einen Verzicht auf die Tour nahelegt, ein Lawinenabgang findet jedoch nicht statt. Diesen Befund haben wir gerade auch dann, wenn andere Tourengeher nicht auf die Tour verzichten und wir diese beobachten oder vom unfallfreien Gelingen der Unternehmung hören. Es wurde also auch keine Lawine ausgelöst. Machen wir diese Erfahrung, dass „es gut gegangen ist“, wir aber verzichtet haben, so ist das für unser Selbstbild negativ, wir nehmen dies wie einen Verlust wahr. Auf den Tatbestand der Verlustaversion habe ich bereits hingewiesen.

Die Realität ist, dass dann, wenn ein Test für ein „Stop“ spricht, d.h. einen Lawinenabgang prognostiziert, die Wahrscheinlichkeit tatsächlich in eine Lawine zu geraten gering ist. Diese Wahrscheinlichkeit liegt vermutlich unter 1 Prozent. Dieser Wert ist eine persönliche Schätzung da eindeutige Daten zur Berechnung nicht vorliegen. Das ist fatal für den Tourengeher, der sich an seiner „Diagnostik“ orientiert, beispielsweise an der SnowCard. Er bekommt selten ein unmittelbares Feedback, dass seine Entscheidung gut war, es tritt eher das Gegenteil auf. Das Verhalten, der Verzicht, wird, psychologisch gesprochen, nicht verstärkt. Er erlebt durch seine Entscheidung den Verlust eines heißbegehrten Tourentages, ein Gewinn ist für ihn nicht zu erkennen. Das ist eine ganz schlechte Voraussetzung für einen Lernprozess, der dazu führen sollte, regelmäßig und automatisch ein Testverfahren anzuwenden. Natürlich leidet auch der Selbstwert drunter, wenn man bei seinen Entscheidungen keine Erfolge erzielt. Die Gefahr ist dann groß, auf Risikoabschätzungen ganz zu verzichten.


Dazu zwei persönliche Erfahrungen:

Die Tour auf das Zischgeles im Sellrain ist ein Standard, für Innsbrucker Tourengeher liegt der Berg direkt vor der Haustür und wird entsprechend häufig begangen. Der Anstieg birgt dennoch substanzielle Lawinenrisiken, regelmäßig sind Lawinenopfer zu beklagen. Wir hatten diesen Berg als Ziel ausgewählt. Der Tiroler Lagebericht hatte einen „Dreier“ ausgegeben. Bei dieser Warnstufe sollte die Tour eigentlich nicht mehr gemacht werden. Ich hatte kurz zuvor das Buch von Munter studiert, der hatte für häufig und die ganze Saison über begangene Touren einen Reduktionsfaktor definiert. Wir folgten zu dritt einer größeren Gruppe in einer guten Spur. Als die steileren Hänge im oberen Bereich des Anstiegs gut einzusehen waren stoppte die Gruppe, besprach sich und kehrte um. Ich erklärte den weiteren Anstieg wegen des Reduktionsfaktors als machbar, meine Tourenpartner folgten mir ohne größere Zweifel. Weitere Partien, am Ende des Tages waren es sicher mehr als ein Dutzend, entschieden sich auch so. Uns blieb dadurch auch das Spuren erspart, nur im untersten Teil des Anstiegs konnten wir noch die Spitze behaupten, dann überholten uns die schnelleren Geher. Passiert ist nichts, alle die sich für die Tour entschieden, bewältigten Aufstieg und Abfahrt unfallfrei und mit mehr oder weniger Genuss.

Die Steinkarspitze, Lechtaler Alpen, ist eine kurze Tour ohne langen Talhatscher, die auch als Halbtagesunternehmung zu machen ist. Auch hier gibt es ernste Lawinenrisiken, speziell bei der Querung eines Hanges über dem steile Rinnen nach oben ziehen. Der Lagebericht mit den Zusatzinformationen und die Beschreibung im Tourenführer ließ diese Passage äußerst kritisch erscheinen. Wir waren zu zweit unterwegs und entschieden uns dazu, diese Passage zu umgehen indem wir gut 50 Höhenmeter in eine Mulde abfuhren, um einen großen Bogen um den Abschnitt zu machen. Gleichzeitig mit uns war eine größere geführte Sektionsgruppe am Ort. Als der Führer sah, wie wir abfellten, verspottete er uns als Weicheier, stellte klar, dass wir ja wohl keine Ahnung hätten und dass er noch nie eine Fehlentscheidung getroffen habe. Er werde auf jeden Fall den Hang queren, es gebe ja auch schon eine gute Spur. So machten wir es jeweils so wie wir dachten. Uns folgte dann allerdings die eine Hälfte der geführten Gruppe. An diesem Tag gab es weder bei Aufstieg noch bei der Abfahrt ein Lawinenereignis.

Zwei Fälle in denen Fehlentscheidungen folgenlos blieben, so wie die meisten Fehlentscheidungen folgenlos bleiben.


Konsequenzen für Entscheidungen, die die Lawinensituation betreffen

Die Grundfrage, um die es geht - „wird auf meiner beabsichtigten Tour eine Lawine abgehen“ - wird von keinem Prognoseinstrument beantwortet. In der aktuellen Lawinenkunde wird diese Frage mit einer Ersatzheuristik gelöst. Wir können sagen, ob ein Lawinenproblem (Neuschnee, Triebschnee, Altschnee, Nassschnee, Gleitschnee) vorliegt. Oder ob sich ein Gefahrenmuster (bodennahe Schwachschicht, Gleitschnee, Regen, kalt auf warm / warm auf kalt, Schnee nach langer Kälteperiode, lockerer Schnee und Wind, schneearm neben schneereich, eingeschneiter Oberflächenreif, eingeschneiter Graupel, Frühjahrssituation) identifizieren lässt. Wenn das der Fall ist, erhöht sich das Lawinenrisiko. Ob eine Lawine abgehen wird, lässt sich dennoch nicht entscheiden. Bei sogenannten analytischen Verfahren wird eine Schneedeckenuntersuchung herangezogen, aber auch bei diesem Vorgehen wird nur eine nicht näher quantifizierbare Angabe zu einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Lawine gegeben.

Entscheidungen sind immer mit Unsicherheiten behaftet. Und wer in die Berge geht, kann Risiken nicht ausschalten. Um das Risiko, in eine Lawine zu geraten zu minimieren, müssen wir Verzicht trainieren, Vermeidung etablieren und den Verlust „guter Tage“ akzeptieren. Das fällt individuell sehr schwer.

Es geht um die Akzeptanz, dass in der Natur Dinge geschehen, die man nicht vorhersagen, nicht kontrollieren kann. Ein Umstand, den Menschen schwer annehmen können. In unserer Kultur gibt es die Grundüberzeugung, die Natur gelte es zu beherrschen, sie habe unseren Bedürfnissen zu dienen, die Natur habe zu unserer Unterhaltung beizutragen. Es gebe technische Mittel, das zu realisieren. Diese Grundüberzeugung verursacht im winterlichen Gebirge Opfer. Wir sollten uns ehrlich machen: Unser Wissen über Lawinen ist und bleibt bescheiden, technische Lösungen bei der Analyse und bei der Ausrüstung versprechen mehr als sie halten können. Es geht um Respekt der Natur gegenüber. Es geht um die Akzeptanz, dass wir nicht die Herren über der Welt sind. Es reicht ein Zucken der Natur, eine Lawine, und unser Leben ist zu Ende.

Die Unterscheidung zwischen wissensbasierten analytischen und probabilistischen intuitiven Entscheidungen ist obsolet. Menschen sind, wenn sie im normalen Modus durch ihren Alltag gehen, darauf eingestellt, mit ihrem System 1 zu entscheiden. Das bedeutet, Informationen werden selektiv ausgewertet, Emotionen bestimmen Entscheidungen, statistische Zusammenhänge werden nicht gewürdigt, kritische Reflektion findet nicht statt. Wir entscheiden aus dem Bauch heraus intuitiv, alles andere ist anstrengend und wird vermieden. Mit dieser Standardeinstellung gehen wir auch auf Tour.

Analytische oder wissensbasierte Methoden sind mit zwei Mängeln behaftet. Erstens: Die Beobachtungen über die aktuelle Schneesituation, der Lawinenlagebericht, liefern kein sicheres Wissen. Zweitens: Menschen entscheiden und handeln nicht wissensbasiert.

Tatsächlich haben wir – mit GRM, Stop or Go, SnowCard, Skitourenguru - Instrumente, um Entscheidungen zu treffen.

Ein Problem dürfte die „Dreierlage“ sein. Auf der fünfstufigen Skala ist das der mittlere Wert. Das klingt nach durchschnittlich, löst eine spontane Bewertung wie „passt schon“ aus. Der Zahlenwert steht jedoch für große Lawinengefahr. Viele Unfälle geschehen bei dieser Gefahrenlage, die subjektiv als durchschnittlich gewertet wird, was kein Gefühl der Bedrohung auslöst.

Hier muss ich noch einmal auf Kahnemann zurückgreifen der eine Arbeit von Meehl (1986) referiert. Dieser hatte über 200 Studien analysiert, in denen Vorhersagen in den unterschiedlichsten Feldern (z.B. Überlebenszeit von Krebspatienten, Bewertung von Kreditrisiken) geprüft wurden. Es ging um den Vergleich von Vorhersagen durch Experten mit Urteilen durch einfache Algorithmen. In allen Fällen erbrachte ein einfacher Algorithmus mindestens ebenso genaue Vorhersagen wie Experten. Es gilt: Experten sind Algorithmen unterlegen. Diese Ergebnisse legen eine überraschende Schlussfolgerung nahe: Um die Vorhersagegenauigkeit zu maximieren, sollten abschließende Entscheidungen Formeln überlassen werden, insbesondere in Umgebungen mit geringer Validität. Dies sind „Lawinensituationen“, und die probabilistischen Methoden bieten gut handhabbare Algorithmen.

Außerhalb der Lawinenkunde ein Beispiel aus der Kinderheilkunde: Apgar (1953) hatte einen Index eingeführt, der anhand von fünf Parametern (Herzschlag, Atmung, Reflex, Muskeltonus, Hautfarbe), die jeweils mit 0, 1 oder 2 Punkten bewertet werden, den Gesundheitszustand von Neugeborenen bewertet. Mindestens 8 Punkte bedeutet eine gute Verfassung. Neugeborene mit höchstens 4 Punkten benötigen sofortige intensivmedizinische Behandlung. Dieser einfache Algorithmus gilt als ein bedeutender Beitrag zur Senkung der Säuglingssterblichkeit. Der Test wird bis heute tagtäglich in jedem Kreißsaal angewandt.

Behr und Mersch (2019) zeigen in einer Analyse der tödlichen Lawinenunfälle in Österreich und in der Schweiz aus insgesamt fünf Wintern, dass 84 Prozent der Opfer bei Anwendung der SnowCard vermeidbar gewesen wären, dies bei Verzicht auf Orange und Rot. Die Rate erhöht sich auf 96 Prozent, wenn auch auf den gelben Bereich (Modus für den sicherheitsbewussten Anwender) verzichtet worden wäre. Dies unterstützt den Befund von Meehl, zeigt sich doch, dass ein einfacher Algorithmus, dessen Anwendung relativ wenig Spezialwissen erfordert, gute Vorhersagen liefern kann. Ich behaupte: Expertenurteile wären der Anwendung des Algorithmus unterlegen gewesen. Wir wissen auch nicht, wie viele Experten unter den Opfern waren. Für die Praxis muss gelten: Wir müssen einen Algorithmus so einfach wie möglich halten. So einfach, dass er immer angewendet werden kann, dass seine Anwendung automatisch geschieht und möglichst wenig Mühen macht.

Doch auch in diesem Fall ist die Prognosegüte beschränkt. Es handelt sich um eine post-hoc Analyse. Es muss – wie bereits erläutert - in Rechnung gestellt werden, dass bei Anwendung der SnowCard eine hohe Zahl falsch-positiver Urteile abgegeben wird.

Bei der Abschätzung eines Lawinenrisikos gilt es, die psychologischen und statistischen Beschränkungen bei Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen. Es ist an der Zeit, die Beschränktheit unserer Urteilfähigkeit klar zu benennen, gerade wenn es um überlebensrelevante Entscheidungen geht. Hier gibt es einen blinden Fleck in der Lawinenforschung. Dass die Güte einer Prognose unbekannt und beschränkt ist, wird ignoriert. Und dass menschliche Entscheidungen systematischen Täuschungen unterliegen, wird nicht zur Kenntnis genommen. Wie bereits erwähnt: Es fehlen epidemiologische Daten über die Lawinenaktivität. Spezifität und Sensitivität der eingesetzten Instrumente sind unbekannt. Die Mathematik, die die Prognosegüte bestimmt, wird in der Lawinenkunde nicht zur Kenntnis genommen. Kein Test nimmt uns die endgültige Entscheidung ab, und gerade diese Entscheidung ist höchst anfällig gegenüber allen bekannten Unzulänglichkeiten unseres kognitiven Apparats.

Wenn wir unsere Sicherheit erhöhen wollen, müssen wir akzeptieren, dass unsere Entscheidung oft auf einem „falsch positiv“ Resultat beruht. Es gilt folgende Situation zu ertragen: Wir haben von unserem Test ein „Stopp“ bekommen, eine Lawine trat aber nicht ein - weder spontan noch von anderen Tourengehern ausgelöst. Dies zu erfahren, löst bei uns ein großes Unbehagen aus. Wir fühlen uns dann schnell als Verlierer. Sich damit abzufinden, mit sich im Reinen zu sein, ist nicht einfach. Dies gilt es aber in Kursen ganz gezielt anzusprechen und zu schulen. Es gilt zu berücksichtigen, dass Menschen in besonderem Maße durch Verlustaversionen gesteuert sind. Hier gilt es die Aufmerksamkeit auf den Gewinn zu richten, dieser besteht im Erhalt der Gesundheit und des Lebens. Um die Erfahrung des Verzichts oder Verlustes gering zu halten, gilt es, einen Plan B bereit zu haben. Auf den Alternativplan sollte möglichst frühzeitig zugegriffen werden, nach Möglichkeit vor dem Start der ursprünglich beabsichtigten Tour. Dies setzt eine längerfristige Tourenplanung voraus. Dazu gehört es, den Verlauf von Niederschlägen, von Wetter, von Lawinengefahr über längere Zeiträume zu verfolgen. Geschieht dies, so wird man Touren ins Programm nehmen, die unkritisch sind. Dadurch ergibt sich viel seltener das Problem, auf der Tour eine Verzichtsentscheidung treffen zu müssen und auf einen Plan B zu wechseln, wurde doch schon im Vorfeld das Risiko erkannt. Gerade solche frühzeitigen Entscheidungen brauchen mehr Relevanz und Kritikfähigkeit. Entscheidungen sollten so selten wie möglich im Gelände und „vor Ort“ erfolgen. Je weiter wir in einer Unternehmung vorangeschritten sind, desto unbrauchbarer werden unsere Entscheidungen.

Grundsätzlich gilt auch, wir müssen unser System 2 in Betrieb nehmen, wenn wir entscheiden wollen, ob wir gehen oder nicht. Anders gesprochen, wir müssen uns mental anstrengen, wenn wir zu einer brauchbaren Entscheidung über das Lawinenrisiko kommen wollen. Informationen sammeln, Landkarten studieren, ungünstige Abschnitte identifizieren, Gehzeiten berechnen, Verhaltensregeln in einer Gruppe einhalten und dergleichen mehr. Für viele ist auch das mit Unbehagen verbunden und mit einem entspannten Tag in den Bergen kaum vereinbar.

Vermeidungstendenzen gilt es zu stärken. Dies ist genau das Gegenteil von dem, was man in der Psychotherapie bei der Angstbehandlung macht. Menschen sollten in Bezug auf die Lawinengefahr ängstlicher werden. Dies gilt natürlich nicht generell, sondern spezifisch für diejenigen die das Risiko suchen, starke Gefühle erleben wollen, den Kick in der Gefahr spüren wollen. Ängstliche Menschen gehen defensiver auf Skitour. Lawinenopfer sind in der Mehrzahl Männer, hauptsächlich jüngeren Alters. Angst kann ein sinnvolles Gefühl sein! Dies gilt es in diesem Fall anzuerkennen und diesem Gefühl zu folgen.

Insbesondere gilt es Sicherheits- und Kontrollillusionen, die typisch für menschliches Entscheiden sind, abzubauen. Jedem Urteil über die Lawinenlage sollte man kritisch gegenüberstehen. Traue niemandem – auch nicht dir selbst, mag als Leitsatz dienen.

Es gilt anzuerkennen, dass der Zufall und dass Glück respektive Pech eine viel größere Rolle spielen als wir zu akzeptieren bereit sind. Wieso sollte auch die Vorhersage von Lawinen besser gelingen, als andere Naturkatastrophen vorhergesagt werden können. Für Vulkanausbrüche, Tsunamis und Erdbeben gibt es bis heute keine verlässlichen Prognosen. Auch Steinschlag und Murenabgänge können nicht verlässlich vorhergesagt werden. Bergstürze, auch solche die Verkehrswege und Siedlungen betreffen, treten nach wie vor völlig unerwartet auf. Wir sind weit davon entfernt, die Natur zu beherrschen und zu kontrollieren.

Lawinenexperten sollten selbstkritischer sein. Ihre Expertisen sind oft unbrauchbar, ihr Wissen ist unsicher, ihr großes lawinenkundliches Beurteilungsvermögen womöglich nur eine Kompetenzillusion.

Zuletzt: Es gilt die Entwicklung der Zahl von Lawinenopfer bei Freizeitsportlern auch positiv zu würdigen. Wir haben eine enorme Steigerung der Anzahl von Skitourengehern, Freeridern und Schneeschuhgehern, die sich ins ungesicherte Gebirge wagen, zu verzeichnen. Tourengehen hat sich in den letzten 30 Jahren von einem exotischen Wintersport zu einem Trendsport entwickelt, die Zahl der Aktiven und der Tourentage hat sich deutlich erhöht. Die Zahl der Lawinenopfer ist in diesem Zeitraum ungefähr konstant geblieben, bei Schwankungen zwischen den Wintern. Es muss daher auch bei den Endverbrauchern etwas angekommen sein, vom Wissen über Lawinen und über die Reduktion des individuellen Risikos. Möglicherweise hat sich die Kritikfähigkeit gebessert, vielleicht haben sich Verhaltensänderungen etablieren lassen. Eine weitere Verbesserung der Situation ist durch die Einbeziehung Psychologischen Wissens und Psychologische Schulung zu erreichen.

 

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